Nord Stream 2 droht eine ungewollte Verzögerung

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Das deutsch-russische Pipelineprojekt Nord Stream 2 spaltet die EU. Nun könnte eine fehlende Bewilligung aus Dänemark die Fertigstellung der Röhre bremsen. Dies hätte weitgehende Folgen. Doch worum geht es genau? Die wichtigsten Antworten im Überblick.

Christian Steiner, Moskau

Die Röhren werden versenkt. Doch kann die Pipeline rechtzeitig fertig werden? (Bild: Axel Schmidt / Reuters)

Die Diskussion um das deutsch-russische Pipelineprojekt Nord Stream 2 sorgt für Unstimmigkeiten in der EU. Dennoch schreitet der Bau zügig voran. Eine fehlende Bewilligung aus Dänemark könnte aber die planmässige Fertigstellung Ende dieses Jahres verhindern. Dies hat bedeutende Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine. Was bedeutet das genau? Kann der Bau noch gestoppt werden? Und warum braucht die EU überhaupt Erdgas aus dem Ausland? Die wichtigsten Fakten im Überblick.

Was ist Nord Stream 2 genau?

Die Nord-Stream-2-Pipeline soll russisches Gas aus den Feldern von Sibirien über St. Petersburg direkt bis nach Greifswald in Deutschland transportieren. Damit will der russische Gasriese Gazprom seinen wichtigsten Auslandsmarkt direkt beliefern. Dies lässt sich der grösste Gasförderer der Welt 5 Mrd. € kosten. Zudem bringen Konzerne aus Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden nochmals 4,5 Mrd. € an Krediten ein, und keine Steuerzahler werden zur Kasse gebeten. Klingt doch alles ganz harmlos.

Warum steht Nord Stream 2 in der Kritik?

Die Pipeline ist vielen Gegnern schon lange ein Dorn im Auge. In der EU ist der Widerstand aus Polen und den baltischen Staaten gross. Dort fürchtet man sich vor einem Russland, das durch die neue Pipeline das Transportmonopol über Erdgas erhält und damit Europa in Geiselhaft nehmen könnte. Nach dieser Logik würden nach dem Bau der Gasleitung bei den Russen alle Hemmungen fallen.

Zudem ist für die Kritiker klar, dass der russische Staatskonzern Gazprom die Pipeline nicht aus wirtschaftlichen Gründen baut. Der Kreml habe nur ein Ziel und wolle mit der neuen Röhre die Ukraine als Transitland umgehen und damit den fragilen Frieden in der Region aufs Spiel setzen.

Was sagen die Befürworter?

Für die Unterstützer von Nord Stream 2 ist klar: Die Pipeline schafft keine neuen Abhängigkeiten von Russland, im Gegenteil: Die neue Pipeline sorge für mehr Wettbewerb auf dem europäischen Gasmarkt. Dank der Gasmarktliberalisierung in Europa und dank verflüssigtem Erdgas sei die Versorgung jederzeit gesichert. Zudem brauchten die Unternehmen und Konsumenten in Zukunft russisches Gas für eine wettbewerbsfähige und nachhaltige Energieversorgung.

Wann soll Nord Stream 2 fertig werden?

Der russische Erdgasriese Gazprom plant damit, dass die Pipeline Ende dieses Jahres fertig wird. Dies ist für das Unternehmen wichtig, denn zum gleichen Zeitpunkt laufen bedeutende Lieferverträge mit der Ukraine aus. Im Mai steht die nächste Verhandlungsrunde an.

Droht eine Verzögerung?

Die mit dem Bau beauftragte Projektgesellschaft hat die Bewilligungen für den Bau der Unterwasserpipeline von allen Anrainerstaaten ausser Dänemark. Lange schien die Bewilligung aus Kopenhagen Formsache. Im Kern geht es darum, wo die Pipeline an der Ostseeinsel Bornholm vorbeiführen soll. Doch weil zwei Gesuche seit über einem Jahr hängig sind, drängt die Zeit. Das Konsortium hat daher zähneknirschend ein drittes Gesuch eingereicht. In einer Mitteilung zeigt sich das Unternehmen entrüstet: «Die Forderung nach einer dritten Routenoption (. . .) kann nur als bewusster Versuch angesehen werden, die Fertigstellung des Projekts zu verzögern», schreibt die Firma in einer Mitteilung und moniert weiter, dass Kopenhagen die Prinzipien des Vertrauensschutzes und der Rechtssicherheit missachte.

Warum ist eine spätere Fertigstellung ein Problem?

Bloss aus Grosszügigkeit und Geschäftssinn baut Russland die Pipeline nicht. Putins Regierung verfolgt mit Nord Stream 2 ein eindeutiges Ziel. Die Idee für das Projekt kam ihr nämlich rund ein Jahr nach Ausbruch des Ukraine-Konflikts. Heute bezieht Europa etwa einen Drittel seines Erdgases aus Russland. Davon wird knapp die Hälfte durch die Ukraine transportiert. Für diesen Transport zahlt Russland viel Geld. Etwa 2 Mrd. $ fallen jedes Jahr an Transitgebühren an. Die russische Regierung will also auch verhindern, dass man weiter das feindliche Regime in Kiew finanziell unterstützt. Läuft alles nach Plan, soll ab dem Jahr 2020 ein Grossteil des Gases für Europa nicht mehr durch die Ukraine, sondern durch Nord Stream 2 fliessen. Auch EU-Länder, allen voran die Slowakei, verlieren Transiteinnahmen. Für Gazprom machen die Einsparungen die nicht eben billige Röhre vermeintlich kommerziell attraktiv.

Eine spätere Fertigstellung würde diese Pläne zunichtemachen. Zwischen der Ukraine und Russland läuft Ende des Jahres ein wichtiger Liefervertrag aus. Sollte Nord Stream 2 bis dahin kein Gas liefern können, müsste Gazprom weiter auf die Ukraine setzen – und Kiew eine viel höhere Menge an Gas für den Transit bewilligen als ursprünglich geplant.

Um wie viel Erdgas geht es?

Im Jahr 2018 flossen 87 Mrd. m3 Erdgas durch die Ukraine. Mit Nord Stream 2 könnten 55 Mrd. m3 Gas ersetzt werden. Doch das ist nicht alles. Dank der Turk-Stream-Pipeline, die ebenfalls 2019 in Betrieb gehen soll, kommen weitere 31,5 Mrd. m3 Gas dazu.

Dennoch ist für viele Beobachter klar, dass Gazprom auch mit den neuen Leitungen die Ukraine nicht völlig ignorieren kann. So kann nur die Ukraine Gazprom die Flexibilität bieten, die der Konzern für Spitzenlastzeiten benötigt, da das Land über genügend unterirdische Speicherkapazitäten verfügt.

Wann wird verhandelt?

Die nächste Runde der Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine unter der Aufsicht der EU ist für Mai geplant. Die Ukraine und die EU werden versuchen, einen 10-Jahre-Vertrag auszuhandeln. So könnte Russland die zusätzlichen Kapazitäten erst in einer Dekade voll nutzen. Moskau wird hingegen versuchen, der Ukraine nur für fünf Jahre neue Kapazitäten zuzugestehen. Dänemark verzögert wohl die Genehmigung bewusst, um die Position der Ukraine in den bevorstehenden Verhandlungen mit Gazprom zu stärken.

Warum braucht Europa mehr Erdgas aus dem Ausland?

Der alte Kontinent versorgt sich derzeit vor allem mit Gas aus Russland, den Niederlanden, Norwegen und Grossbritannien. Von den jährlich benötigten 480 Mrd. m3 müssen laut Experten in den nächsten Jahren rund 120 Mrd. bis 140 Mrd. m3 ersetzt werden, da die Förderkapazitäten in den Niederlanden und Grossbritannien abnehmen. Zudem kann mit Gas der ungeliebte Atomstrom oder klimaschädlicher Kohlestrom ersetzt werden. Europa wird daher abhängiger von fremden Gasquellen.

Warum ist russisches Erdgas gefragt?

Russisches Pipeline-Gas ist um einiges kostengünstiger als beispielsweise Flüssiggas (LNG) aus den USA oder Katar. Zudem besteht bereits eine grosse Pipeline-Infrastruktur.



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