Liebeserklärung | Der Sinn des Sehens

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Warum der Film eine unzeitgemäße Kunstform ist – und gerade deshalb so schützenswert wie die Oper oder das Kammerkonzert

Die Ehe zwischen Film und Kino ist nur noch eine offene Beziehung. Der Film findet schon lange nicht mehr ausschließlich auf der großen Leinwand, dem einstigen Ehebett, statt, sondern seit den 1950er Jahren auch im Fernsehen, später auf VHS oder DVD und inzwischen auf Streamingplattformen wie Netflix oder Mubi. Das Kino und seine Verfechter verhalten sich wie Gehörnte. Sie wollen sich nicht daran gewöhnen, dass dem Film die Monogamie fremd ist. Sie beharren zumindest auf dem Recht der ersten Nacht, sprich: der Kinoerstauswertung, ehe der Film überall sonst vertrieben werden darf. Das Kino ist nicht zu beneiden, der Film scheint sich hingegen prächtig zu amüsieren.

Aber ist das wirklich so? Nein, in Wahrheit hat der Film seinen Stellenwert erheblich eingebüßt. Über welchen Film sprach man zuletzt in den Kaffeepausen, auf Partys, bei Familienfeiern oder in der S-Bahn? Vielleicht über Avatar. Das ist bald zehn Jahre her. Stattdessen ist die Serie diskursprägend. Selbst wer Game of Thrones nie gesehen hat, dürfte aus all den aufgeschnappten Gesprächsfetzen die Serie nahezu lückenlos rekonstruieren können. Und viele jüngere Zuschauer haben wohl kürzlich ihren ersten Western gesehen, jedoch weder im Kino noch auf Netflix, sondern in Form des Computerspiels Red Dead Redemption 2, das sich allein in Deutschland mehr als eine Million Mal verkaufte.

Folgender Satz ist deshalb gar nicht so übertrieben, wie er klingt: „Wir rufen den Notstand der Filmkultur aus, wir rufen auf zur Cinephilie!“ Er stammt aus dem kurz vor der Berlinale 2019 veröffentlichten Aufruf des neu gegründeten Hauptverbandes Cinephilie. Der Anspruch ist erhaben: „Cinephilie versteht das Kino als Kunst – nicht als Konsumgut oder Dienstleistung.“ Die sich aus Regisseuren, Kinobetreiberinnen, Filmkritikern und verschiedenen Filmschaffenden zusammensetzenden Initiatorinnen und Unterzeichner plädieren zwar für mehr „Diversität“, „Gendergerechtigkeit“ und „Medienkompetenz“ – Zeitgeistschlagworte eben, ohne die heute kein Förderantrag mehr den Schreibtisch verlassen darf –, doch zugleich werden die Begriffe „Kino“ und „Film“ nach alter Väter Sitte synonym verwendet, denn was die Cinephilen vor Jahrzehnten zusammenführten, das darf der Fortschritt nicht scheiden.

Der Aufruf ist gut gemeint, aber er hat etwas Verzweifeltes. An wen richtet er sich überhaupt? An Politiker, Filmförderungsfunktionäre, die Menschheit? Vielleicht sollen auch die Leute im Multiplex adressiert werden, die allerdings bei dem gestelzten Wort „Cinephilie“ wohl eher denken: „Wegsperren, und zwar für immer!“

Plädoyers für das Kino gibt es viele, nicht selten sind sie sentimental, nostalgisch und ökonomisch naiv. Wer, wie der Hauptverband Cinephilie, das Kino weder als Konsumgut noch als Dienstleistung verstehen will, sollte wissen, dass mit Idealismus allein kein Kinosaal beheizt werden kann. Auch wenn einige Kinobetreiber dies momentan zu versuchen scheinen, denn wahre Cineasten erkennt man an der langen Unterhose. Was wirklich fehlt, ist ein Plädoyer für den Film. Nur wenn der Film als abgeschlossene Form erhalten bleibt, sich nicht in der Youtube-Schnipsel-Unkultur auflöst und nicht von seriellen Endlosschleifen erdrosselt wird, hat das Kino als Ort der Filmkultur eine Überlebenschance.

Kein Nebenbeimedium

Die Krise des Films ist in erster Linie eine der Aufmerksamkeit. Dass fahrig zusammengeschnittene Clips gleichermaßen boomen wie tagelange Serien, ist kein Widerspruch. 1961 erklärte Marcel Reich-Ranicki in der Zeit, was man für die Lektüre von Kurzgeschichten braucht: „In den so ‚hektischen‘ 1920er Jahren schrieben Thomas und Heinrich Mann, Döblin, Musil und Werfel, Feuchtwanger, Arnold Zweig und Alfred Neumann nicht Kurzgeschichten, sondern lange Romane.“ Bei der Romanlektüre dürfe der Leser gelegentlich abschweifen, ohne den Handlungsfaden zu verlieren, die Kurzgeschichte hingegen verlange höchste Konzentration, weshalb die besten Texte dieser Gattung in einer verhältnismäßig ruhigen Zeit, nämlich im 19. Jahrhundert, entstanden seien.

Gilt Ähnliches nicht auch für den Film? Wer beim Chemie-Hausaufgabenmachen nebenbei die Serie Breaking Bad sieht; wer bügelt, während Suits auf dem Bildschirm flimmert; wer sich bei Matthias Schweighöfers You Are Wanted von all den Produktplatzierungen zum Shoppen auf seinem „Second Screen“ animieren lässt, bekommt immer noch genug mit, um die nächste Folge zu verstehen. Ästhetisch ändert sich bei Serien in der Regel nach der Pilotfolge nicht mehr viel. Die Serie passt zudem perfekt in unsere Zeit, in der eine Trennung nie endgültig ist, man stets mit allen vernetzt sein soll und einander zuruft: „Lass uns Freunde bleiben!“

Der Film ist tatsächlich eine völlig unzeitgemäße Kunstform – und deshalb so schützenswert wie die Oper oder das Kammerkonzert. Er hat einen Anfang und ein Ende. Er verlangt bedingungslose Aufmerksamkeit, und ist genau darum in Zeiten des Multitaskings ein Ausnahmezustand. Er ist anders als die Serie oder die Instagram-Story kein Nebenbeimedium. Zwar versuchen kommerzielle Produktionen, sich beidem immer stärker anzupassen, indem zum einen im Sekundentakt geschnitten wird, um das Auge stets aufs Neue zu reizen, und zum anderen jeder erfolgreiche Film fortgesetzt wird – im Laufe dieses Jahres starten etwa Toy Story 4, Star Wars 9 und Fast & Furious 9 in den Kinos. Doch es gibt sie noch, die großen, abgeschlossenen Filme, die virtuos Gegenwelten bilden, Spiegel vorhalten, amüsieren und rühren, die Hingabe verlangen und jede Whatsapp-Nachricht vergessen lassen.

Dazu gehören auch Regisseure und Drehbuchautorinnen, die nicht an Überheblichkeit leiden. Im Literarischen Quartett verkündete Marcel Reich-Ranicki einmal: „Jeder Roman – bitte nicht ‚Zauberberg‘ oder ‚Buddenbrooks‘! –, der mehr als 500 Seiten umfasst, ist schlecht. Bis zum Gegenbeweis werde ich das wiederholen. Kommt ein Roman von mehr als 500 Seiten, und er wird gut sein, bin ich bereit, vor laufender Kamera auf die Knie zu fallen.“

Welcher Filmemacher hat schon das Zeug, eine 20-stündige, durchgehend gute Serie zu drehen? Welcher Drehbuchautor hat mehr zu sagen, als in 90 oder 120 Minuten passt? Gewiss, wir brauchen eine Ethik des konzentrierten Sehens, aber auch eine der künstlerischen Beschränkung.

Doch muss das Kino weiterhin der einzige Ort bleiben, an dem neue Filme gezeigt werden? Nicht nur Netflix startete zuletzt mit Alfonso Cuaróns Roma einen Angriff auf die Lichtspielhäuser, indem die Plattform zwar einen kleinen Kinostart anbot – um sich so für die Oscars zu qualifizieren –, aber wenige Tage später den Film für die Netflix-Abonnenten bereitstellte. Auch die Globalisierung sorgt für Disruptionen. Filme mit einem Plädoyer für offene Grenzen waren zuletzt viele zu sehen, doch beim Verkauf von Filmen plädieren plötzlich die größten Internationalisten im Sinne des Profits für begrenzte Vorführungsrechte.

Manche Filme schaffen es erst ein Jahr nach ihrer Festivalpremiere in die Kinos, viele gar nicht, häufig kann man Filme bereits in Großbritannien auf DVD bestellen, bevor sie in deutschen Kinos laufen, und Streamingplattformen haben ebenfalls hohe nationale Grenzzäune. Das ist überaus anachronistisch. Eine unabhängige europäische Streamingplattform könnte Abhilfe schaffen, vielleicht sogar identitätsstiftend wirken. Dass in diesem Februar in Deutschland die europäische VOD-Plattform mit von renommierten Filmemachern ausgewählten Klassikern des 20. Jahrhunderts an den Start geht, ist darum eine gute Nachricht.

Mit acht Euro seid ihr dabei

Diejenigen, die sklavisch an der Kinoerstauswertung festhalten, sollten ohnehin einmal eine Landkarte von Deutschland zur Hand nehmen. Wer zum Beispiel in Koblenz lebt, einer Stadt mit 114.000 Einwohnern, muss, um filmische Hochkultur oder den Oscar-Anwärter Shoplifters zu sehen, entweder eine Stunde nach Mainz oder aber eine Stunde nach Bonn fahren.

Doch selbst in diesen Städten laufen nicht alle der rund zehn pro Woche startenden Filme. Nächste Anlaufstelle: Frankfurt am Main. Auch dort könnte man Pech haben, sodass nur noch der Flieger nach Berlin, Hamburg oder München helfen könnte. Das wäre wiederum jenem Klimaschutz nicht eben zuträglich, für den sich viele im Filmgeschäft so leidenschaftlich einsetzen. Koblenz ist kein Einzelfall, denn Deutschland ist ländlich geprägt.

Was würde also geschehen, wenn neue Arthausfilme zum Kinostart auch gestreamt werden könnten? Zu einem Preis von, sagen wir, acht Euro. Aktuelle Filme würden so wieder in die Mitte der Gesellschaft rücken. Davon würden auch die Kinos profitieren, bleiben sie doch der ideale Ort für Filme, auf den die Flachbildschirme in den Wohnzimmern neue Lust wecken könnten. Eine Studie der Filmförderungsanstalt FFA belegt: Wer Filme streamt, geht auch häufiger ins Kino als andere.

Das Kino muss mehr sein als ein Dark Room für Cinephile, denn diese Art der Kinoliebe war stets etwas für eingeschworene Kreise. In den 1960er und 1970er Jahren war es dagegen noch üblich, sich Filme von Ingmar Bergman, Rainer Werner Fassbinder oder Jean-Luc Godard anzusehen. Vor allem französische Filme sahen in Deutschland bei Weitem nicht nur promovierte Romanisten im Foucault-Rolli.

Die Filmkultur droht dem Vergessen anheimzufallen. Zwar hat Netflix dafür gesorgt, dass Roma mehr Menschen sehen konnten, als es durch eine reine Programmkinoauswertung möglich gewesen wäre. Zugleich herrscht auf den Plattformen der Konzerne eine erschreckende Geschichtslosigkeit. Ältere Filme sind bis auf wenige Klassiker nicht zu finden.

Auch internationale Produktionen, die nicht aus Hollywood stammen, haben es schwer. Nimmt man die Förderung einer anspruchsvollen Filmkultur ernst, müsste nicht nur die Produktion finanziell unterstützt, sondern auch die Online-Distribution gefördert werden. Überdies sollten Kinos, die sich dem Mainstream verweigern, staatlich unterstützt werden – und das nicht nur mit den nach dem Gießkannenprinzip verteilten Programmkinopreisen.

Das Stadttheatermodell, auf das Deutschland mit gutem Recht stolz ist, ließe sich vielleicht auf den Kinobetrieb übertragen. Warum gibt es nicht in jeder Stadt, die über ein Theater verfügt, auch eine staatlich unterhaltene Kinemathek, in der alte wie neue Filme gezeigt werden? So viele Kinos stehen leer – man müsste kaum neue Häuser bauen, um Orte der Begegnung zu schaffen. Genug Geld wäre ja vorhanden, denkt man nur an den absurd hohen Rüstungsetat von mehr als 40 Milliarden Euro. Als Eröffnungsfilm ließe sich dann Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben von Stanley Kubrick zeigen.

Wolfgang M. Schmitt betreibt auf Youtube den ideologiekritischen Kanal Die Filmanalyse. Am Montag, 11.2., debattiert er ab 18 Uhr im Basecamp Berlin mit Tilo Jung, Hans Jessen und Hanna Maria Heidrich über die Film-, Trailer- und Werbebranche. Der Eintritt ist frei

Filme für… #unten

Foto: Imago/dpa

1. Ich, Daniel Blake (2016) zeigt Armut ohne Kitsch

2. Precious (2009) verstört, empört, bestärkt

3. Rosetta (1999) wühlt sogar schärfste Zyniker auf

…Neoliberale

Foto: Imago/dpa

1. Toni Erdmann (2016) karikiert die Selbstoptimierung

2. The Wolf of Wall Street (2013) belegt: Wir sind Teil des Problems

3. The Big Short (2015) erklärt originell den Finanzmarkt

…Feministinnen

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1. Das Piano (1993) feiert die Selbstrettung der Frau

2. Mad Max – Fury Road (2015) besiegt die toxische Männlichkeit

3. Suffragette (2015) plädiert für die gute Gegengewalt

…alte weiße Männer

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1. Rocky (1976) oder: Die Arbeiterklasse kämpft!

2. Mein Onkel (1958) veralbert zärtlich alles Männliche

3. Gran Torino (2008) erzählt komplex vom harten Leben

…Revolution

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1. V wie Vendetta (2005) ruft stilsicher zu den Waffen

2. Panzerkreuzer Potemkin (1925) agitiert in jeder Hinsicht genial

3. Sie leben (1988) praktiziert gepflegte Ideologiekritik

…Liebende

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1. Call Me by Your Name (2017) zieht einem den Stecker

2. Before Sunrise (1995) lehrt, wie schön Melancholie ist

3. Lost in Translation (2003) besingt die platonische Liebe

…Klimaschutz

Foto: Imago/dpa

1. Watership Down (1978) beklagt die Zerstörung der Natur

2. 2001 (1968) würdigt die Schönheit allen Seins

3. Sonnensucher (1958) beleuchtet das Bergbaumilieu

…Autolobby

Foto: Imago/dpa

1. Blues Brothers (1980) bietet die ideale Verfolgungsjagd

2. Mein Onkel (1958) veralbert zärtlich alles Männliche 2. Death Proof – Todsicher (2007) ehrt die souveräne Frau am Steuer

3. Gran Torino (2008) erzählt komplex vom harten Leben 3. Go Trabi Go (1991) ist der deutscheste Film aller Zeiten

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