Lateinamerikanisches Humanistisches Forum 2019: „Die Debatte um kleine Medien ist eine kulturelle Debatte“

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Pía Figueroa, Co-Direktorin von Pressenza und Mitglied des Organisationsteams des Lateinamerikanischen Humanistischen Forums, das vom 10. bis 12. Mai in Santiago de Chile stattfinden wird, beantwortet unsere Fragen zur Bedeutung des Forums und des Netzwerks für Gewaltfreie Medien und Kommunikation, das sie gemeinsam mit anderen Kollegen koordiniert.

„Wir versuchen, einem sozialen Gefüge, das durch die Kraft des Ganzen gestärkt wird, Form zu geben“, so Figueroa.

Angesichts der Gewalt in der offiziellen Berichterstattung argumentiert sie, dass die Debatte um kleine und unabhängige Medien eine kulturelle Debatte ist.

Juana Pérez Montero: Das Lateinamerikanische Humanistische Forum von 2019 reiht sich in die Folge mehrerer vorangegangener Foren ein. Warum jetzt, nach 11 Jahren, ein neues Humanistisches Forum? Ist es notwendig, wie es im Kontext heißt, Positionen in Bezug auf verschiedene Bereiche der menschlichen Gesellschaft „festzulegen“? Braucht Lateinamerika Stimmen, um neue Positionen zu schaffen?

Pía Figueroa: Seit dem letzten Humanistischen Forum in Lateinamerika, genauer gesagt in Buenos Aires, ist nicht nur viel Zeit vergangen, sondern wir haben auch gesehen, wie sich unsere Region und die ganze Welt verändert hat. Innerhalb weniger Jahre wurden andere Werte etabliert und neue Technologien installiert, die Unwahrheiten kommunizieren und viral verbreiten. So entstand ein Raum für eine neue Kultur und eine faschistische Rechte, die bereits an vielen Orten herrscht.

JPM: Mehrere progressive lateinamerikanische Regierungen des letzten Jahrzehnts haben regionale „Konvergenzen“ in Gang gesetzt, wie z.B. UNASUR, aber das hat diese Regierungen und einen großen Teil dieser Konvergenzen nicht daran gehindert, bei Wahlen durchzufallen oder Parlamentsputschen oder Ähnlichem zum Opfer zu fallen. Du berufst dieses Forum unter dem Motto „Building Convergences“ ein, von welchen Konvergenzen redest Du?

PF: Die heutige politisch-ökonomische Macht, die sich zunehmend zentralisiert und auf wenige konzentriert, ignoriert breite Bevölkerungsschichten, fast so, als ob der Mensch ein „austauschbares Objekt“ wäre. Nun, gerade bei der sozialen Basis, bei den Frauen, die sich des vorherrschenden Patriarchats bewusst geworden sind, den jungen Menschen, die sich dem Kapitalismus nicht mehr anschließen wollen, den indigenen Völkern, deren Territorien geplündert wurden, den Jugendlichen, die sich über die Notwendigkeit der Umkehrung der Prozesse von Umweltverschmutzung und Ausbeutung natürlicher Ressourcen im Klaren sind, den Opfern von kirchlichem Missbrauch, den älteren Menschen, die eine angemessene Rente haben sollten, und vielen anderen thematischen Aktionsnetzen und Kräften, die aus der Peripherie der Gesellschaft heraus entstehen und organisiert werden, suchen wir nach Räumen wie diesem Forum, um nicht nur Konvergenzen innerhalb dieser Netzwerke, sondern auch zwischen den verschiedenen Organisationen und Netzwerken zu schaffen. Ziel ist es, daraus ein neues soziales Gefüge zu formen, das vielfältig, horizontal, breit und durch eine gemeinsame Kraft gestärkt ist, und das in der Lage ist, eine Zukunft zu schaffen, die effektive und wahrhaftige Antworten für die besten menschlichen Bestrebungen gibt.

JPM: Was müssen wir tun, um sicherzustellen, dass diese Konvergenzen in der Bevölkerung verankert werden und so eine dauerhafte Beziehung entshteht, die es schwierig macht, wieder in Phasen zurückzufallen, von denen wir dachten, dass sie überwunden seien?

PF: Vielleicht können wir uns bei diesem Forum treffen, die Gegenwart anderer erleben, uns in unseren Kämpfen gegenseitig erkennen, uns selbst bestätigen, einander unterstützen, die Hoffnung stärken, die so oft schwankt, und verstehen, dass die Geschichte immer ihre Zyklen und Rhythmen hat. Heute ist der Moment, in dem Antihumanismus und Faschismus gnadenlos angreifen, aber sie haben keine Option auf die Zukunft, weil wir alle, so viele Menschen, so viele Organisationen und neue Netzwerke, beginnen, einen neuen Impuls für einen Moment zu setzten, der bereits am Kommen ist, der schon am Horizont zu sehen ist.

Ob wir dabei Misserfolge vermeiden können, weiß ich nicht, unsere Vergangenheit ist ja voll davon, aber wir fürchten sie nicht mehr, im Gegenteil, wir begrüßen sie, weil sie uns erlauben, zu lernen und aus ihnen zu wachsen. Diese Stärke ist das Wertvollste, was wir haben.

JPM: Das Format des Forums – Entwicklung durch Netzwerke – spricht von dieser Konvergenz. Möchte das Forum zu ein Bindeglied zwischen verschiedenen Akteuren werden?

PF: Tatsächlich ist es eine gemeinsame Umgebung, ein Netzwerk, von allen geschaffen, es ist ein Raum des Zusammenflusses.

JPM: Lass uns über die Medien sprechen. Du koordinieren Dich mit anderen Kollegen im Netzwerk für Gewaltfreien Journalismus und Kommunikation. Wie sieht Deine Analyse zur Rolle der Medien heute aus?

PF: Das erste, was auffällt, ist die Manipulation von Informationen, die virale Verbreitung von Falschheit, die vom Kapital gelenkte Medienindustrie, die Gewalt in Mainstream-Medienberichten und sozialen Netzwerken, wo Diskriminierung und Ausgrenzung an der Tagesordnung sind.

JPM: Welche Rolle sollten die Medien aus Deiner Sicht spielen?

PF: Die Debatte um unsere Medien, um kleine Medien, unabhängige Medien, digitale Plattformen, Agenturen, Radioprogramme, Online-TV-Kanäle und so weiter stellt eine kulturelle Debatte dar, eine Debatte um die Narrative, also um die Art und Weise, wie etwas erzählt wird, die heutzutage äußerst wichtig, ja fundamental ist.

JPM: Wie können wir „Fake News“ bekämpfen, die sogar hinter dem Sturz von Regierungen, der Inhaftierung von Gegnern usw. stehen?

PF: Das ist eines der zentralen Themen, die wir in unserem Netzwerk gemeinsam angehen wollen: schnelle und zuverlässige Wege, um auf verifizierte Informationen zählen zu können, aus zuverlässigen Quellen, die es uns ermöglichen, die Lügen und Manipulationen der neuen Rechten in Lateinamerika zu bekämpfen und zu entlarven.

JPM: Glaubst Du, dass eine Konvergenz der Medien möglich ist, die die Mehrheit der Bevölkerung erreichen kann, die eine andere Agenda fördert als die der Großmächte, und die die Stimme von Ideen und Erfahrungen sein kann, die einen Paradigmenwechsel vorschlagen?

PF: Genau das ist es, was unser Handeln leitet: die Konvergenz mit anderen Medien, Agenturen, Journalisten, Redakteuren, Plattformen und Programmen zu suchen, die nicht auf das System ausgerichtet sind, und mit denen wir „eine Masse von dezentralen und vielfältigen Medien“ schaffen können, die mit den großen Medien kommuniziert.

JPM: Was würdest Du zu einem Kollektiv oder einer Einzelperson sagen, die an diesem Forum teilnimmt?

PF: Dass es sich lohnt, ein historisches Bewusstsein zu schaffen und das eigene Leben in einem größeren Zeitbogen zu sehen als in der Unmittelbarkeit, auf die wir konditioniert sind, um zu erkennen, dass dies nur ein Moment in einem langen Prozess ist, und dass es viele von uns gibt, die zusammenkommen können, um einer besseren Zukunft Gestalt zu geben. Am Forum teilzunehmen bedeutet, sich engagieren zu wollen, ein Teil dieser besseren Zukunft sein zu wollen.

Übersetzung aus dem Englischen von Evelyn Rottengatter

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, International, Interviews, Kultur und Medien
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