Buchrezension: Die Mauer von John Lanchester

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John Lanchester ist für mich schon längst ein Garant für Qualität und intelligente Unterhaltung. Sowohl im Genre Sachbuch als  auch mit seinem opulenten, großartigen Roman „Kapital“.

„Die Mauer“ in der er sich mit der aktuellen politischen Lage speziell in Großbritannien befasst und den Brexit konsequent weiterdenkt hat allerdings, zumindest für mich, ein kleines Imageproblem.

Eine Mauer, die mich völlig abholt und beeindruckt hat war Marlen Haushofers „Die Wand“. DIE Mauer per se, die Mauer aller Mauern ist in der TV Serie Game of Thrones zu bestaunen und hat mich anscheinend derart eingenommen, dass ich beim Lesen immer diesen düsteren, wahnwitzigen Eiskoloss von Mauer imaginiert habe. Dabei beschreibt Lanchester seine Mauer um – ein im Roman nie namentlich genanntes – England deutlich. Beton. Diese Mauer geographisch zu verorten, unterlässt er, hier bleibt „Die Mauer“ vage, steht sowohl für Abschottung vor den „Anderen“, Überschwemmungen und anderen ungünstigen klimatischen Bedingungen, wie auch für die Mauer in den Köpfen der älteren Generation. Jener Generation, die sich nicht erhoben hat, um die Ursachen für das Verschwinden der Strände zu bekämpfen, sondern sich angesichts der zunehmend verschlechternden Umweltbedingungen anfing abzuschotten, um den Lebensstandard zu halten solange es geht. Auf Kosten ihrer Kinder und Enkel. Interessant, dass Lanchester, der sich weder in „Kapital“, geschweige denn in seinen kapitalismuskritischen Sachbüchern zurückgehalten hat „Die Mauer“ so emotional, stellenweise fast lyrisch konzipierte.

Als Leser*in begleiten wir den Ich-Erzähler Joseph durch seine Gefühlswelt die stark von der Mauer beeinflusst wird. Joseph, der nach seiner „Mauerzeit“ den Aufstieg in die „Elite“ geplant hat, der die Annehmlichkeiten und das gute Leben begehrt.  Wahrhaft detailverliebt wird der Autor, wenn es um die physischen und psychischen Auswirkungen die Kälte und den Widerwillen zwei Jahre Frondienst auf der Mauer zu verbringen, geht. Sein Protagonist Joseph Kavanaugh hasst seine Eltern für ihr Nichthandeln. Die Wut der Jungen, die zur Zeit  bei Fridays for Future zu hören ist initiert von Greta Thunberg, einer sechzehnjährigen, die exakt ausspricht worum es geht:

Auszug aus einem Spiegel Interview:

„Es ist ein gutes Zeichen, dass junge Menschen die älteren Generationen verantwortlich machen und sagen: Wir werden das nicht länger akzeptieren.“

und dafür angefeindet wird.

Das ist krank, beklemmend. So beklemmend, wie John Lanchesters neues Werk. Eine Sog entwickelnde, klaustrophobische sich abzeichnende Zukunft in einer, mit dem Deckmantel der Demokratie verhüllten Diktatur. Es ist an uns diese Zukunft hoffnungsvoller zu gestalten. „Die Mauer“ ist so unbequem, uns daran eindrücklich zu erinnern.

Die Mauer von John Lanchester ist im Januar 2019 bei Klett-Cotta als Hardcover erschienen. Weitere Informationen bei Klick aufs Cover, oder auf der Verlagsseite.





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