Ängste und Sorgen: Wie wir mit Unsicherheit besser umgehen

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Von welchen psychischen Problemen berichten die Patienten?

Einige von ihnen haben Folter oder Vergewaltigung erlebt – oder dass Angehörige vor ihren Augen exekutiert wurden. Sie mussten ihre geordnete Existenz aufgeben und stehen plötzlich vor dem Nichts. Sie haben das Gefühl, ihr Leben nicht mehr in gewohnter Weise bestimmen zu können. Das hinterlässt einen Bruch in der Identität. Solche Traumatisierungen können verschiedene psychische Störungen nach sich ziehen, am häufigsten ist aber die Depression. Tatsächlich sehen wir in unserer Beratungsstelle mehr Geflüchtete mit depressiven Verstimmungen als etwa mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

»Bei Geflüchteten konzentrieren sich verschiedene Unsicherheiten in einer dramatischen Weise, die für Mitteleuropäer in den Nachkriegsgenerationen nicht mehr nachvollziehbar ist«

Was geschieht in der Therapie?

Eines der Ziele ist es, durch Erlernen von Problemlösetechniken wie auch durch Meditation das Gefühl von Kontrolle wiederherzustellen. Genauer gesagt: von partieller Kontrolle. Bestimmte Dinge kann ich durchaus beeinflussen, aber dies nur im Hier und Jetzt. Ungewissheit zu akzeptieren heißt, sich auf die aktuelle Situation zu konzentrieren. Ich kann auf mein Wohlbefinden und meine Gesundheit achten, Energie sammeln, das Leben wieder angehen.

Gibt es andere psychische Störungen, bei denen Ungewissheiten eine zentrale Rolle spielen?

Einige Menschen haben große Probleme, Unsicherheiten zu tolerieren – und reagieren mit der Strategie, sich permanent Sorgen zu machen. Sie wollen darauf vorbereitet sein, dass eine Katastrophe über ihr Leben hereinbrechen könnte – etwa, dass sie eine unheilbare Krankheit entwickeln, ihrem Kind etwas zustößt oder sie ihren Job verlieren. Diese Sorgen können eine ganz eigene Dynamik entwickeln. Wenn ein Mensch permanent damit beschäftigt ist, was alles Furchtbares geschehen könnte, spricht man von einer generalisierten Angststörung.

Oft sind Sorgen aber ziemlich nützlich – weil sie uns etwa motivieren, Gefahren abzuwenden. Woran erkenne ich, dass die Sorgen selbst zum Problem werden?

Es kommt auf das Ausmaß an. Natürlich gibt es hin und wieder Tage, an denen uns intensive Zukunftsängste plagen oder wir lange über die Vergangenheit grübeln. Es kann auch mal sein, dass das über Tage anhält. Doch wenn die Sorgen über Monate hinweg unseren Alltag bestimmen, unser Verhalten oder unsere körperliche Verfassung massiv beeinflussen – dann sind die Auswirkungen so schwer, dass man von einer psychischen Störung spricht.

Sich ständig zu sorgen, belastet Menschen mit generalisierter Angststörung also enorm. Warum tun sie es dennoch?

Der Gewinn ist für Außenstehende nicht auf den ersten Blick erkennbar. Für die Betroffenen folgen die Sorgen aber einer gewissen Logik. Sie stellen sich beispielsweise vor, es klingelt morgens an der Tür und ein Polizist teilt ihnen mit, das eigene Kind sei bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Die Annahme ist hier: Sollte es wirklich einmal passieren, kommt es wenigstens nicht unerwartet. Der große Schock bliebe also aus. Dieser Gedanke beruhigt zunächst. Außerdem versuchen sie oft alles, um das Eintreten der Katastrophe zu verhindern: Etwa, indem sie ihr Kind permanent kontrollieren und alles tun, damit es nicht bei Rot die Straße überquert.

»Viele sorgen sich sogar um das Sorgenmachen selbst«

Welche Folgen hat das für die Patienten?

Viele sind permanent angespannt und klagen über körperliche Beschwerden, mit denen sie dann zum Arzt gehen – ohne dabei den Zusammenhang zu ihren Sorgen zu erkennen. Sie erleben die Sorgen selbst als bedrohlichen Verlust der Kontrolle über sich selbst und denken: Die Art, wie ich mir Sorgen mache, lässt sich ja gar nicht mehr abstellen. Viele sorgen sich sogar um das Sorgenmachen selbst. Da entstehen Teufelskreisläufe, wo sich die Erwartungen gegenseitig negativ verstärken. Man spricht hier von Meta-Sorgen.

Was hilft den Betroffenen, um diese exzessiven Sorgen wieder in den Griff zu bekommen?

Ein Ansatz besteht darin, sich dem Vermiedenen in der Therapie zu nähern. Tatsächlich vermeiden es Patienten mit generalisierter Angststörung häufig, sich mit ihren Emotionen zu konfrontieren.

Aber malen sich die Betroffenen nicht ohnehin ständig mögliche Katastrophenfälle aus?

Sie beschäftigen sich gedanklich mit den Ereignissen, sie tun es jedoch nur oberflächlich. Sie vermeiden es beispielsweise, sich die Katastrophe bildhaft vorzustellen, und auch die eigenen Gefühle, die mit der Katastrophe verbunden sind. Genau das öffnet für die Therapie aber einen Weg, sich mit den Befürchtungen auseinanderzusetzen. Indem sie konkret nachvollziehen, was für ein Gefühl das ist, erfahren sie etwas über Möglichkeiten der Bewältigung. Das durchbricht den Teufelskreis der Vermeidung.

Gibt es weitere Ansätze, die Menschen mit generalisierter Angststörung helfen?

Viele Betroffene profitieren von einem Achtsamkeitstraining. Das bedeutet, sich weniger mit abstrakten Befürchtungen zu plagen und sich stattdessen mehr mit der Gegenwart zu beschäftigen – also wie ich mein Leben im Hier und Jetzt wahrnehme. Dem Dalai Lama wird der Ausspruch zugeschrieben: »Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen man nichts tun kann. Der eine ist gestern, der andere morgen.« Sich permanent mit »Was wäre wenn«-Szenarien auseinanderzusetzen, ist im Grunde müßig. Dadurch kann man mögliche Unglücksfälle meist ohnehin nicht ausschließen.

Viele Menschen fürchten sich vor sehr Unwahrscheinlichem, etwa vor Terroranschlägen. Alkohol und Tabak werden hingegen gern verharmlost, obwohl sie hier zu Lande wesentlich mehr Todesopfer fordern. Warum sind wir so irrational in unseren Befürchtungen?

Ängste können sehr intensiv sein, obwohl die Bedrohung extrem unwahrscheinlich ist. Angst ist eine Emotion, die unser Überleben sicher soll, aber sie bildet keine statistische Wahrscheinlichkeit ab, mit der ein solches Ereignis möglich ist. Emotionen sind in der Evolution wie auch in der individuellen Entwicklung des Menschen früher angelegt als Fähigkeiten zur rationalen Bewertung, weil sie uns schützen sollen, deshalb sind wir von ihnen oft stärker beeinflusst. Wie die Hirnforschung gezeigt hat, können bewusste Verarbeitungsprozesse, die etwa in der präfrontalen Hirnrinde angelegt sind, von emotionalen Prozessen aus dem tiefer gelegenen limbischen System gehemmt werden.

Warum aber beschäftigen uns manche Sorgen stärker als andere?

Wenn wir uns zum Beispiel an schlimme Ereignisse in unserem Leben erinnern, stellen wir sie uns meist visuell vor. Bilder und Emotionen sind eng miteinander verknüpft. Aus diesem Grund haben Bilder in Medien oft einen so starken Einfluss auf unsere Ängste und Befürchtungen. Viele von uns haben noch die Bilder des Terroranschlags vom 11. September 2001 im Gedächtnis – der Moment, in dem die beiden Türme zusammenbrachen. Und wir erinnern uns sogar noch an die Gefühle, die wir in jenem Moment erlebten. So etwas gräbt sich tief ins Gedächtnis ein. Entsprechende Assoziationen sind also leicht auszulösen. Mittlerweile steigt auch in den Medien das Bewusstsein dafür, dass es mitunter verantwortungsvoll ist, weniger entsprechende Bilder zu zeigen.

»Ungewissheit zu akzeptieren heißt, sich auf die aktuelle Situation zu konzentrieren«

Auch Menschen ohne Angststörungen kennen quälende Unsicherheiten. Was kann ich tun, wenn die Sorgen überhandnehmen?

Ein Ansatz besteht darin, aus dem emotionalen Geschehen wieder ein rationales zu machen. Was spricht dafür, dass mich ein solches Ereignis wirklich betrifft? Dieser Perspektivwechsel von emotional aufgeladenen Bildern hin zu einer realistischen Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten ist allerdings nicht so einfach. Betroffene sind hierzu ohne einen Lernprozess nicht in der Lage.

Lässt sich die Fähigkeit zum Perspektivwechsel trainieren?

Ein Konzept aus der kognitiven und achtsamkeitsbasierten Therapie lautet »decentering«. Das bezeichnet die Fähigkeit, sich gezielt vom eigenen Erleben distanzieren zu können – und psychische Vorgänge erst einmal nur als solche wahrzunehmen. So kann einem etwa der Einfall kommen: »Was, wenn ich krank werde und unerträgliche Schmerzen erleide? Ich muss dringend etwas tun, um das zu verhindern.« Das ist zunächst ein Gedanke, nicht die gegenwärtige und auch keine zukünftige Realität. Indem wir uns bewusstmachen, dass dies ein innerer Vorgang, eben ein Gedanke ist, den ich gerade habe, distanzieren wir uns ein Stück weit von unserem inneren Erleben.

Moment, ich soll mich gezielt von meinen eigenen Gedanken und Gefühlen entfernen?

Zugegeben, vielen erscheint das kontraintuitiv – gerade weil man intensive Gefühle meist als etwas Positives sieht. Es gilt als Wert, authentisch zu sein, mit sich selbst im Einklang. Zu viel Identifikation, gerade mit vergangenen oder zukünftigen Ereignissen, kann aber auch ungesund sein. Sie kann derart überhandnehmen, dass sich das gegenwärtige Erleben stark einschränkt. Die eigenen Gedanken als inneres Geschehen wahrzunehmen, nicht als äußere Realitäten – dieses Konzept ist zum Beispiel aus der buddhistischen Philosophie in den Westen importiert worden. Aber auch in der westlichen Philosophie existieren ähnliche Ideen. Denken Sie etwa an die Lehre der Stoa. Der antike Philosoph Epiktet meinte: »Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen und die Urteile über die Dinge.«

»Das Ausmaß an Unsicherheit nimmt nicht zu. Aber die Formen der Ungewissheit verändern sich«

Können wir Unsicherheiten auch genießen?

Natürlich. Der Regisseur Alfred Hitchcock spielt in seinen Kriminalfilmen oft mit der Ungewissheit und erzeugt Spannung, die auch etwas Lustvolles in sich trägt – ein Phänomen, das als »suspense« bekannt ist. Wir wollen unsere Bedürfnisse nicht immer augenblicklich erfüllt sehen. Menschen suchen gezielt neue, unbekannte Situationen auf, an denen sie wachsen können. Herausforderungen bieten die Möglichkeit, Grenzen zu testen und über sich selbst hinauszuwachsen. Auch das kann natürlich ungesunde Formen annehmen: So genannte »Sensation Seekers« suchen den ständigen Nervenkitzel, etwa im Extremsport – weil konstante Bedingungen ohne Anregung bei ihnen eher Stress durch Unterstimulation verursachen.

Klimawandel, Brexit, Donald Trump: Wird die Welt ungewisser?

Das ist eine schwierige Frage. Ich würde vermuten: Das Ausmaß an Unsicherheit nimmt nicht zu. Aber die Formen der Ungewissheit verändern sich. Einerseits haben wir immer bessere technische Möglichkeiten, sichere Bedingungen herzustellen. Auf der anderen Seite funktionieren diese oft nicht so wie gewünscht – oder werden nicht ausreichend genutzt. Vor 200 Jahren war der menschengemachte Klimawandel beispielsweise kein Thema. Man konnte es kaum beeinflussen, hat sich aber auch keine Sorgen darum gemacht. Jetzt verfügen wir über neue Technologien, die es uns ermöglichen würden, die Folgen zumindest einzudämmen. Gleichzeitig entsteht eine starke gesellschaftliche Gegenbewegung, die die Folgen des menschengemachten Klimawandels schlichtweg leugnet. Das erzeugt eine ganz neue Art von Ungewissheit.

Was lässt sich diesen großen Ungewissheiten entgegenstellen?

Es geht nicht darum, Unsicherheiten um jeden Preis zu beseitigen. Das Leben ist grundsätzlich ungewiss. Das zu akzeptieren, ist eine individuelle Aufgabe, aber auch eine globale, gesellschaftliche.

Das Interview führte Theodor Schaarschmidt.



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