20 Minuten – Grosse Pläne für fliegende Autos

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Es ist Zeit, den Strassenverkehr in die Luft zu verlagern – zu diesem Ergebnis kommen die Analysten der Beratungsfirma Horváth & Partners in einer am Dienstag erschienenen Studie. Darin heisst es, dass bereits 2035 rund 23’000 Fahrzeuge gebaut werden müssen, um der Nachfrage für Kurzstreckenflüge in den grössten Städten der Welt nachkommen zu können. 2050 sind es 3 Millionen Flugzeuge, 2070 dann 7 Millionen.

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Aber warum überhaupt fliegende Autos? Und wann kommen solche Fahrzeuge auf den Markt? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Die Fahrzeuge werden laut der Studie insbesondere dem Personen- und Gütertransport dienen. Besonders viel Potenzial sehen die Autoren in drohnenähnlichen Gefährten ohne Piloten – etwa Lufttaxis, die Passagiere über vordefinierte Strecken transportieren. Die meisten aktuellen Konzepte sind in erster Linie fürs Fliegen gedacht und haben teils nur kleine Rangierräder oder gar keine.

«Aus rein technischer Sicht sehe ich grosse Chancen, dass wir schon bald erste Flugtaxis im kommerziellen Betrieb sehen könnten», sagt Thomas Sauter-Servaes, Experte für Verkehrssysteme an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), zu 20 Minuten. Bereits jetzt können Interessierte den PAL-V (siehe Video oben) bestellen. Dabei handelt es sich laut Hersteller um das erste fliegende Auto der Welt. Das Boden- und Luftfahrzeug soll ab 2020 geliefert werden. Um damit fahren und fliegen zu können, brauchen Besitzer einen Führer- und Pilotenschein.

Viele grosse Autohersteller wie Audi, Daimler und Porsche, mischen ebenfalls im Markt mit – die einen entwickeln ihre eigenen Fahrzeuge, die anderen investieren in Start-ups, die an Lufttaxis tüfteln.

Zumindest bislang. Die Standardversion des PAL-V etwa kostet 340’000 Franken. Für die Pionier-Edition mit zusätzlichen Features und früher Lieferung zahlen Kunden noch einmal 230’000 Franken drauf. Zum Vergleich: Ein neuer Ferrari 488 Spider kostet um die 300’000 Franken.

Laut der Studie von Horváth & Partners ist das Geschäftsmodell der Zukunft aber nicht der Verkauf von solchen Fahrzeugen, sondern ein Beförderungs- beziehungsweise Transportservice. Martin Winder, Projektleiter Verkehrspolitik beim Verkehrsclub Schweiz (VCS), vermutet, dass fliegende Autos wegen des Preises ein Nischenprodukt bleiben dürften. «Leute, die in Megacitys mit dem Helikopter unterwegs sind, würden dies vielleicht nutzen», so Winder.

Selbst wenn nur eine kleine Gruppe von Menschen fliegende Autos besässe, bräuchte es dafür Lande- und Startplätze – je nach Antriebsart von einer kleinen Landefläche bis zu einer regelrechten Startbahn. Ein weiteres Hindernis sind rechtliche Fragen: «Sobald man sich in einem dicht besiedelten Raum bewegt, braucht es Regulierung», so Winder. Man müsse festlegen, welche Sicherheitsstandards gelten, wo genau die Fahrzeuge fliegen dürfen, und wie viel Lärm sie machen dürfen.

Die grosse Frage sei auch, ob die Bevölkerung es akzeptieren werde, wenn es etwa über einem Wohngebiet plötzlich eine Flugtaxilinie gebe.

Als Massenverkehrsmittel sieht Sauter-Servaes von der ZHAW für Lufttaxis in der Schweiz keine Zukunft. Der Grund sei, dass das ÖV-System in der Schweiz sehr stark sei. Einen Markt für den Einsatz in Nischen gebe es aber, insbesondere wegen des hohen Wohlstands in der Schweiz.

Anfang Jahr wurde bekannt, dass die SBB in Gesprächen mit dem deutschen Flugtaxi-Unternehmen Lilium ist. Das Bahnunternehmen plant den Einsatz von Lufttaxis, in die die Passagiere an Bahnhöfen für einen Flug nach Hause umsteigen können. Seitens des Bundesamts für Zivilluftfahrt heisst es, die Behörde habe die organisatorischen Weichen für die Bearbeitung von solchen Innovationen bereits gestellt.



Die deutsche Firma Lilium tüftelt am Lufttaxi – und hat damit das Interesse der SBB geweckt. (Video: Youtube/World.Minds)

«Fliegen braucht immer mehr Energie als die Fortbewegung auf dem Boden», sagt Winder vom VCS. Es könne aber trotzdem sein, dass solche neuartigen Fortbewegungsmittel ökologisches Potenzial haben – etwa, weil sie keine fossilen Brennstoffe benötigen oder weil man in der Luft eine direkte Linie zurücklegen und so Wege verkürzen kann. Sofern fliegende Autos aber ein Nischenprodukt bleiben, sei deren ökologischer Einfluss sowieso eher klein.

Trotzdem könnte der Ökoaspekt die Akzeptanz von solchen Flugzeugen gefährden: «Wir sind gerade dabei, unsere Strassen und Städte durch den Einsatz von Elektromotoren und Tempolimits leiser zu machen. Gleichzeitig denken wir nun über den verstärkten Einsatz von Luftverkehrsmitteln in Städten nach. Das ergibt für mich keinen Sinn», sagt Sauter-Servaes.

Andreas Herrmann, Wirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen, gibt zu bedenken, dass ein Auto in der Luft völlig andere Bewegungseigenschaften habe als auf dem Boden: «Im Grunde reden wir über Helikopter.» Was Herrmann besonders skeptisch macht, ist, dass jeder Unfall tödlich wäre. Darum glaubt er nicht, dass bemannte fliegende Autos sich bald etablieren werden.

Wahrscheinlicher sei, dass es in den nächsten 15 Jahren Luftkorridore für Drohnen geben werde, die Fracht in die Innenstädte transportieren, wodurch es dort weniger Lastwagen geben werde. Die Post testet das bereits mit ihren Spitaldrohnen für Blutproben, die etwa über dem Zürichsee unterwegs sind.





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