Antifaschismus | Warum es normal sein sollte

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Heute vor 80 Jahren eskalierte mit den Novemberpogromen der faschistische Terror. Wieso gilt kein Jahrhundert später Widerstand als heikel, radikal und unzeitgemäß?

Es mutet an wie aus einer anderen Welt: „Antifaschisten, bekennt Euch und kommt zur christlich-demokratischen Union Deutschlands“ – das stand einmal auf einem Wahlplakat der frisch gegründeten CDU von 1946. Der erste Parteivorsitzende, Andreas Hermes, gehörte zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat wurde er festgenommen, gequält und anschließend zum Tode verurteilt. Das baldige Kriegsende und seine Frau Anna, die den Prozess hinauszuzögern wusste, retteten ihm das Leben. Als Gründe für seinen Widerstand nannte Hermes später vor allem seine christliche Gesinnung.

Was für eine sagenhafte Gründungsgeschichte, welche die CDU sich an Tagen wie dem heutigen 80. Jahrestag der sogenannten Reichskristallnacht zu eigen machen könnte. Könnte! Realiter wird es schwer, ein CDU-Mitglied zu finden, das sich offen zum Antifaschismus bekennt. Zu heikel ist dieses Wort, zu ambivalent – und dabei so simpel: Gegen den Faschismus, anti-fascisti, so positionierten sich die ersten italienischen Widerständler 1921 zu Mussolinis Partito Nazionale Fascista.

Als später in Deutschland Synagogen brannten, war solch offener Widerstand kaum noch möglich. Der Pfarrer Julius von Jan war so einer, der es wagte, sein Entsetzen über die Pogrome zu bekunden. Daraufhin holten ihn SA und SS und schlugen ihn beinahe tot. Die Schreckensnacht markierte den Übergang von der Diskriminierung von Juden hin zur offenen und oft geduldeten Gewalt, die schließlich im Holocaust mündete.

Die Gewalt ist wieder da

Wenn diese Gewalt jemals wirklich überwunden war, dann lässt dieses Jahr spätestens keine Zweifel daran, dass sie wieder da ist. Erst im August überfielen Vermummte ein jüdisches Restaurant in Chemnitz einer von etlichen antisemitischen Vorfällen, die 2018 bekannt wurden. 80 Jahre nach den Pogromen müsste es gerade jetzt eine Selbstverständlichkeit sein, sich zum Antifaschismus zu bekennen. Stattdessen wird das Bekenntnis gemieden und selbst im linken Spektrum oft nur kleinlaut gebeichtet. Wer sich heute Antifaschist nennt, läuft Gefahr, sich politisch zu delegitimieren. Zu schwach die Erinnerung an gebrandschatzte Synagogen, zu stark die Erinnerung an gebrandschatzte Autos.

Nach den Ausschreitungen zum G20-Protest forderte ein Zusammenschluss von AfD-Politikern gar das Verbot „der Antifa“ als Terrororganisation, wohl im Glauben, es handele um einen Verein mit Geschäftsführung und Spendenkasse. Hartnäckig verbreiten Rechte in- und außerhalb der AfD weiterhin den Mythos, antifaschistische Gruppierungen würden ernsthaft von der Bundesregierung fürs Protestieren bezahlt.

Was für eine fatale, gewollte Skandalisierung von Antifaschismus! Und sie funktioniert: Nicht erst seit der AfD möchte kaum jemand mit dem Schmuddelkind zu tun haben. Antifa, das klingt nach schäbigen Jugendzentren, nach Vermummung und Gewalt. Bei ehemaligen DDR-Bürgern klingelt womöglich noch das euphemistische Mantra vom „antifaschistischen Schutzwall“ unangenehm im Ohr. In höheren Amt und Alter dürfen noch Holocaustüberlebende und NS-Widerständler sich aus historischen Gründen so nennen. Brave Staatsbürger sind lieber mild „gegen Rechts“ oder noch wässriger „für Toleranz“.

Lieber mild „gegen Rechts“

Die SPD, noch zur NS-Zeit nachweisbar im antifaschistischen Widerstand organisiert, führt das Wort nicht in ihrem Grundsatzprogramm. Die Linkspartei bekennt sich zwar zum Antifaschismus, genau wie Teile der Grünen, im Bundestag fällt das Wort dennoch so gut wie nie.

Im September wäre es mal fast so weit gewesen: In einem bemerkenswert lichten Moment konterte Martin Schulz auf eine Rede von Alexander Gauland lehrbuchreif: „Die Reduzierung komplexer politischer Sachverhalte auf ein einziges Thema, in der Regel bezogen auf eine Minderheit im Land, ist ein tradiertes Mittel des Faschismus.“ Da staunten sogar erzkonservative Medien wie das Magazin „Cicero“ nicht schlecht, das kommentierte: Der Vorwurf, jemand sei Faschist, ist etwas aus der Mode gekommen.“ Offenbar scheint der Begriff auf wundersame Art und Weise zur Geschichte erstarrt zu sein. Faschismus, das fand vor 80 Jahren statt. Wer es so betrachtet, kann ruhig schlafen, denn Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht. So kann es gar keine ‚echten‘ Nazis, keine ‚echten‘ Antisemiten und erst recht keinen ‚echten‘ Faschismus mehr geben.

Diese naive Historisierung von Faschismus und das schamlose Gleichsetzen des Antifaschismus mit Linksextremismus haben dazu geführt, dass Politik so ungern davon spricht. Wenn die AfD vom „Linksfaschismus“ raunt, will sie genau das vorantreiben. Bedrückenderweise gelingt es ihr prächtig. Wer nur das Wort in den Mund nimmt, gilt bestenfalls als seltsam unzeitgemäß, schlimmstenfalls als gefährlich. Sollte es nicht vielmehr so sein, dass niemand, der einen Schritt in den Bundestag wagt, kein Antifaschist ist? Die Band Kafvka brachte es kürzlich auf den Punkt: „Das ist ja nicht mal links, was ich sag‘. Wir sind ja nicht mal linksradikal.“

Antifaschismus sollte endlich wieder normal sein

Radikal ist Antifaschismus höchstens, weil er die Sache „an der Wurzel fasst“, wie es nach Marx heißt. Das Tückische am Faschismus ist, dass er ab einer gewissen Wuchshöhe den eifrigen Mahnern kurzerhand den warnenden Zeigefinger abhackt. Statt ihn zu skandalisieren, sollte Antifaschismus deswegen endlich wieder normal werden. So normal, dass selbst die CDU wieder davon sprechen würde.

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