Britische Banken nehmen Stresstest-Warnung gelassen

8


Barclays und Lloyds wollen sich vom schlechten Abschneiden beim europäischen Stresstest nicht aufscheuchen lassen. Doch es existieren Risiken, vor denen auch andere Instanzen warnen.

Benjamin Triebe, London

Passanten vor der Bank of England. Diese betont nach dem Stresstest, dass Barclays und Lloyds noch immer die europäischen Mindestanforderungen an eine solide Kapitaldecke erfüllten. (Bild: Andrew Winning / Reuters)

Banken aus Grossbritannien haben sich im jüngsten europäischen Stresstest überraschend schwach gezeigt. In der Analyse der Widerstandsfähigkeit von 48 Geldhäusern, welche die European Banking Authority (EBA) am Freitag veröffentlichte, landeten die Grossbanken Barclays und Lloyds Banking Group auf dem letzten beziehungsweise dem drittletzten Platz. Angesichts der Risiken, die ein möglicherweise ungeordneter und «harter» Brexit für die britische Wirtschaft mit sich bringt, wirft das Fragen auf. Gemessen an der Marktkapitalisierung sind Lloyds und Barclays hinter HSBC die grössten Kreditinstitute der Insel. Im Vorfeld hatten italienische Geldhäuser als grösste Sorgenkinder des Stresstests gegolten.

Bank of England beruhigt

Die Bank of England (BoE) bemühte sich schnell um Beruhigung und betonte, dass die Institute immer noch die europäischen Mindestanforderungen an eine solide Kapitaldecke erfüllten. Ferner sei die Methodik des Stresstests beschränkt, weil die EBA die Entwicklung der Bankbilanzen ausgehend von deren Verfassung Ende 2017 simuliert und keine Reaktionen der Banken auf die Krise einbezogen habe. In dieses Horn stiess auch Barclays: Die Analyse sei statisch, lasse mögliche Entscheide des Managements ausser acht und sei nicht als Vorhersage der Gewinnentwicklung zu lesen. Dieser Kommentar zielt auf die Aktionäre: Barclays zahlt seit diesem Jahr wieder eine reguläre Dividende, nachdem die Ausschüttung während eines tiefgreifenden Konzernumbaus von 2016 bis 2018 halbiert worden war.

Die EBA untersuchte, wie stark die harte Eigenkapitalquote (Fully Loaded CET1-Ratio) der Banken bei einer sehr schlechten Konjunkturentwicklung über drei Jahre im Vergleich mit einem Basisszenario leidet. Die Kennziffer gibt das harte Kernkapital im Verhältnis zu den risikogewichteten Aktiva an und dient als Gradmesser für die Fähigkeit einer Bank, mit eigenen Mitteln Schocks zu absorbieren. Für 2020, das letzte Jahr der Analyse, ergab sich für Barclays ein Rückgang der Kapitalquote um 6,6 Prozentpunkte auf 6,37%. Lloyds verzeichnete mit 6,9 Prozentpunkten einen noch grösseren Rückgang, obgleich die Quote auf etwas höhere 6,8% zu stehen kam. Die Royal Bank of Scotland (RBS), die in der globalen Finanzkrise verstaatlicht werden musste, und HSBC, Europas grösstes Kreditinstitut, landeten bei 9,92 bzw. 9,18% und damit im Mittelfeld.

Stark in einem anfälligen Segment

Zwei Faktoren waren offenbar für das schlechte Abschneiden der britischen Geldhäuser verantwortlich. Erstens wurde im negativen Szenario für das Vereinigte Königreich ein besonders schlechter Wirtschaftsverlauf bis 2020 angenommen. Dazu zählen ein Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) von kumuliert 3,3%, eine Abnahme der Beschäftigung von 4,5% sowie ein Einbruch der Preise für Wohn- und Geschäftsimmobilien um je rund 30%. Das ist jeweils deutlich stärker als im durchschnittlichen Szenario für Euro-Zonen-Länder. Weil die Banken in ihrer Heimat am stärksten exponiert sind, schlagen eine Verschlechterung der Kreditqualität sowie Zahlungsausfälle bei ihnen überproportional durch.

Zweitens halten die britischen Geldhäuser viele Vermögenswerte, deren Qualität sich bei einer Rezession überproportional verschlechtert. Auf der Suche nach rentierenden Geschäftsfeldern haben sie in den vergangenen Jahren die Vergabe unbesicherter Darlehen ausgeweitet, etwa an Unternehmen, für Konsumkredite, zum Autokauf oder in Form von Kreditkarten. Lloyds beispielsweise, der grösste britische Anbieter von (besicherten) Hypotheken, bekräftigte Ende Oktober, dieses Segment aufgrund der geringen Wachstumsmöglichkeiten schwächer zu gewichten. Stattdessen soll mehr in die Kreditvergabe an kleine und mittlere Unternehmen oder in Autofinanzierungen investiert werden.

Der Internationale Währungsfonds (IMF) kritisierte im September, die Kreditvergabe an britische Konsumenten wachse weiterhin viel schneller als die Einkommen der Haushalte. Höhere Kapitalanforderungen könnten notwendig werden, falls der Trend anhalte, mahnte der IMF. Allerdings nehme die Kreditvergabe über die gesamte Volkswirtschaft hinweg im Gleichschritt mit dem BIP zu, und auch die Verschuldung der Haushalte liege noch unter dem Niveau, das vor der globalen Finanzkrise gemessen worden sei.

Unbeeindruckte Rating-Agenturen

Die grossen Rating-Agenturen zeigten sich vor dem Stresstest unbeeindruckt. Standard & Poor’s (S&P) und Moody’s Investors Service bewerten den britischen Bankensektor trotz der «No deal»-Gefahr mit einem stabilen Ausblick. Grossbritannien wird Ende März 2019 aus der EU ausscheiden. Bleiben die Austrittsverhandlungen ohne Einigung, drohen Verwerfungen. S&P unterstellt in diesem Fall bis 2021 einen um 5,5% niedrigeren Verlauf des britischen BIP als im Standardszenario mit Einigung. Doch auch bei «no deal» werde die Kapitalisierung der Banken nur geringfügig leiden, prognostizierten die Analytiker im Oktober. Kleine Kreditinstitute würden ausserdem stärker getroffen als grosse.

Auch Moody’s bewertete die Kapitalisierung britischer Banken im Oktober als widerstandsfähig, stimmt jedoch zum Teil in die Warnung vor der Darlehensvergabe an Konsumenten ein: Die gesteigerte Ausgabe von Kreditkarten, die niedrige Erträge aus dem schlecht verzinsten Hypothekargeschäft kompensieren soll, sei ein potenzielles Risiko. Auf der anderen Seite mache die Vergabe unbesicherter Kredite an Konsumenten nur 7% aller Darlehen an Haushalte und Unternehmen aus. Das jährliche Wachstum dieser unbesicherten Darlehen habe zudem nachgelassen: Anfang 2017 lag es laut den Analytikern bei über 6%, Mitte 2018 waren es knapp 2% (was allerdings noch über dem Wachstum der real verfügbaren Einkommen liegt). Insgesamt betrug der Anteil fauler Kredite in den Bankportfolios Ende 2017 laut Moody’s 1,9% und war damit niedriger als in Frankreich oder Deutschland.

Die BoE hält einen eigenen Stresstest ab, um die Widerstandsfähigkeit der britischen Banken zu prüfen. Der jüngste Test stammt von 2017 und hat nach Einschätzung des IMF gezeigt, dass die grossen britischen Banken gut genug kapitalisiert sind, um heimische oder ausländische Rezessionen auszuhalten und einen Zerfall von Vermögenswerten abzufedern. Der neue Test soll mögliche Reaktionen der Banken auf eine Krise einbeziehen, zum Beispiel Kostensenkungen. Die Ergebnisse werden Anfang Dezember veröffentlicht.

Sie können Benjamin Triebe, Wirtschaftskorrespondent für das Vereinigte Königreich und Irland, auf Twitter folgen.





Quelle

Bemerkungen