Kenia | Die Straße des reichen Mannes

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In Nairobi muss ein Slum einer Autobahn weichen. Die Bewohner werden vertrieben und der Obdachlosigkeit preisgegeben

Ein Straßenprojekt hat die Wohnungen von mehr als 2.000 Familien an der Peripherie Nairobis verschwinden lassen, ohne dass diese dafür auch nur minimal entschädigt worden wären. Es habe sich um eine Demütigung und Entrechtung sondergleichen gehandelt, meint Elijah Musembi, ein Metallarbeiter, der seit den 1980er Jahren hier lebt und öffentlichen Protest für ein angemessenes Zeichen der Gegenwehr und des Aufruhrs hält. So versammeln sich an einem frühen Sonntagmorgen in einem der Außenbezirke Nairobis viele hundert Menschen zwischen Steinhaufen und Bauschutt. Sie treffen sich an der Stelle, wo einst ihre Kirche stand. Pfarrer predigen nun auf deren nacktem Fundament. Gläubige sitzen in ihren besten Sonntagskleidern auf zerbrochenen Bänken und geborstenem Beton. Broschüren, Familienfotos, Liederbücher und Akten liegen auf dem Boden verstreut.

Erst ein paar Tage ist es her, dass diese Menschen mit ansehen mussten, wie sich Bulldozer durch ihr einstiges Quartier wälzten und Kirchen, Schulen, Geschäfte sowie Wohnhäuser unter sich begruben, um Platz für eine Autobahnerweiterung zu schaffen, die der notorischen Überlastung von Nairobis Straßen begegnen soll. Die neue Trasse wird mitten durch das Zentrum von Kibera verlaufen, der größten informellen Siedlung in ganz Afrika, wo viele der Häuser nur aus Lehmziegeln und Wellblech gebaut sind. Hier leben einige der ärmsten Bewohner der kenianischen Hauptstadt. Wer nun sein Obdach verloren hat, dem hat niemand eine Entschädigung angeboten, kein Bauministerium, keine Stadtverwaltung, kein Bauunternehmen. Es existiert kein Plan, die Menschen irgendwo anders anzusiedeln.

Wichtiger als Kinder

„Das soll ein freies Land sein? Warum jagen sie ihre Bürger dann davon, ohne ihnen zu sagen, wohin sie gehen sollen?“, fragt Elijah Musembi. „Welchen Wert habe ich für dieses Land? Offenbar keinen.“ Fortschritt sei gut, aber der werde ihnen ja verweigert oder vorenthalten, mischt sich der 25-jährige Jackson Muindo ein, der ebenfalls sein Haus verloren hat und seither im Freien schläft. „Aber das ist kein Fortschritt. Ich nenne das: Schindluder mit den Menschen treiben. Man lässt sie spüren, dass sie überflüssig sind.“

Kenias Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen. Seit 2000 hat sich das Bruttoinlandsprodukt auf 164 Milliarden Dollar im Jahr 2017 verfünffacht. In der gleichen Periode ist jedoch auch die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, um zehn Prozent gestiegen, was bei vielen Kenianern für den Eindruck gesorgt hat: Der Boom geht an uns vorbei. Das Straßenbauprojekt ist vor diesem Hintergrund eine besonders heikle Angelegenheit, da noch immer über die Hälfte aller Kenianer – und das sind gut 24 Millionen Menschen – die Wege, die sie bewältigen müssen, zu Fuß zurücklegen. „Wir haben nichts von Autobahnen, wir haben keine Autos. Diese Straßen nützen nur den Reichen“, meint der 28-jährige Bryan Matisa, während er über die Überreste einer Schule hinwegblickt, in der er bis vor kurzem noch als Lehrer unterrichtet hat. Der Abriss erfolgte nur wenige Tage vor den Prüfungen am Ende des Schuljahres, sodass Hunderte von Kindern das Jahr nicht richtig beenden und keinen Abschluss machen konnten. „Die Straße ist nicht wichtiger als die Kinder. Sie hätten die Kinder wenigstens die Schule beenden lassen sollen.“

Eine in diesem Jahr veröffentlichte Studie des Overseas Development Institute warnt davor, dass Kenias Initiative zum Bau neuer Straßen – ein beliebtes Thema im Wahlkampf – auf Kosten der Sicherheit umgesetzt wird. „Über die Hälfte aller Unfälle mit Todesfolge ereignen sich auf den wenigen neuen Straßen, und die Ärmsten – diejenigen, die zu Fuß gehen, mit dem Fahrrad oder dem Motorrad unterwegs sind – machen über 90 Prozent dieser Verkehrstoten aus“, sagt Avi Silverman, Vizedirektor der FIA Foundation, einer gemeinnützigen Organisation, die sich weltweit für mehr Sicherheit im Straßenverkehr einsetzt.

Vollendete Tatsachen

Untersuchungen haben darüber hinaus gezeigt, dass neue Trassen nicht notwendigerweise zu weniger Staus führen, sondern dieses Problem sogar noch weiter verstärken können. „Wenn mehr in den Straßenbau investiert wird als in sicheren, nachhaltigen öffentlichen Verkehr oder Maßnahmen zum Schutz derer, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind, fördert dies die Nachfrage nach privaten Kraftfahrzeugen, was wiederum zu noch mehr Staus führt. Man glaubt, in einem Laufrad unterwegs zu sein, und kommt nicht wirklich von der Stelle“, so Silverman.

Nun, da sie den Kampf um ihre Wohnungen verloren haben, wollen sich die Bewohner Kiberas auf keinen Fall damit abfinden, dass ihnen Entschädigungen für immer und ewig verwehrt bleiben. Die Kenya Urban Roads Authority (KURA), die Regierungsbehörde, die für das Projekt verantwortlich zeichnet, war diesbezüglich freilich lange äußerst zurückhaltend und nannte die Bewohner „Landräuber“, die illegal öffentlichen Grund und Boden in Beschlag genommen hätten. Die kenianische Verfassung sichert Besetzern, die von ihrem Land vertrieben werden, allerdings ein Recht auf Beistand zu. Konsultationen mit den ehemaligen Bewohnern der geschleiften Viertel könnten auf eine prinzipielle Einigung über eine Kompensation hinauslaufen. Noch sind keine Details bekannt, geschweige denn umgesetzt oder verlässliche Größen.

Keine Frage, das Verhältnis zwischen Kibera und der Stadtverwaltung ist schon seit langem gespannt. Als Nairobi 1899 von den Briten zur Kapitale ihrer Kolonie erklärt wurde, hat man die Stadt entlang rassischer bzw. ethnischer Linien geteilt: weiße Siedler im Zentrum, indische Händler um sie herum und afrikanische Arbeitsmigranten weit draußen, in dem Wald, der die Stadt einst umgab. Deren Lager wurden schnell zu pulsierenden Siedlungen, von denen Kibera heute die größte und älteste ist. Ursprünglich wurde der Bezirk von südsudanesischen Soldaten gegründet, die für das African Rifles Regiment des britischen Kolonialkönigs rekrutiert worden waren: Als sie ihren Dienst quittierten, war die Zahlung einer Pension mit der Erlaubnis verbunden, sich in diesem weitläufigen Gebiet niederzulassen. Mit den Permissionen wurde gehandelt, sie galten als inoffizielle Besitztitel.

Als Kibera im Laufe der Jahrzehnte stetig wuchs, unternahm die Stadtverwaltung mehrere fruchtlose Versuche, die Siedlung abzureißen und ihre Bewohner umzusiedeln. In den 1990er Jahren wurde schließlich mit einem Programm der „Slum-Aufwertung“ begonnen, doch standen die Projekte in dem Ruf, korrupt und ineffizient zu sein. Es hieß, sie dienten – allen entgegengesetzten Beteuerungen zum Trotz – in erster Linie dem Zweck, die Mieten erhöhen und die vorhandenen Bewohner vertreiben zu können. Die forderten schließlich mehr Autonomie, um ihre Grundstücke selbst zu entwickeln. 2017 sicherte sich die nubische Gemeinde, Nachfahren der ersten sudanesischen Siedler, einen Besitztitel über 116 Hektar mitten in Kibera, die von einer Treuhandgesellschaft verwaltet werden. Der Rest der Siedlung verbleibt hingegen in einer prekären Lage auf städtischem Boden, den die Stadt jederzeit zurückfordern kann.

Die Politiker haben dafür gesorgt, dass die Spannungen in Kibera im Laufe der Jahre immer weiter zugenommen haben. Mit der Einführung eines Mehrparteiensystems in den 1990ern wurde Kibera zur Brutstätte für ethnische Mobilisierung und Schauplatz einiger der schlimmsten gewaltsamen Ausschreitungen nach den Präsidentenwahlen im Dezember 2007. Dass die Abrisse fast genau ein Jahr nach den hitzigen Tagen während der Parlamentswahl 2017 erfolgten, dürfte den Bewohnern nicht entgangen sein. „Wir haben diese Politiker gewählt, aber sie helfen uns nicht“, sagt Esther Muli, Gründerin und Direktorin der Makina-Self-Help-Grundschule in Nairobi. „Sie bekommen ein Büro, und in dem sitzen sie dann den ganzen Tag nur herum. Wenn sie unsere Stimmen wollen, sieht man ihre Jeeps überall. Sie kamen her und waren vor der Wahl politisch sehr aktiv, aber ein Jahr später ist nichts mehr von ihnen zu sehen.“

Die Kenya Urban Roads Authority hat auch in anderen Vierteln Nairobis bereits großzügig Räumungsbescheide für Behausungen verteilt, die abgerissen werden sollen, um Platz für eine neue Straße zu schaffen. Die Menschen werden gedrängt, ihre Habseligkeiten zusammenzupacken, bevor irgendwelche Pläne zur Entschädigung oder Umsiedlung gemacht werden können. Parallel dazu wurden außerhalb von Nairobi etwa 8.000 Menschen aus ihren Wohnungen im Mau Forest vertrieben, angeblich um ein wichtiges Wassereinzugsgebiet vor Entwaldung und Überweidung zu bewahren. Tatsächlich scheint es so zu sein, dass hinter den Räumungen die politische Strategie steckt, bei den Wahlen im Jahr 2022 für andere Mehrheitsverhältnisse zu sorgen, wobei Bauern und Hirten dann zwischen den Fronten gefangen wären. „Es geht nicht nur um uns – und nicht allein um die Straßen“, sagt Muli. „Die Kenianer müssen sich schlichtweg gegen ihre Führer schützen.“

Rajiv Golla ist ein freier Autor, der außer für den Guardian auch für die Daily Mail und den Christian Science Monitor schreibt

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