Wenn Vertrauen in Währung und Institutionen zerbricht

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Wenn selbst WC-Papier plötzlich 2,6 Millionen Bolívares kostet: Willkommen in Venezuela. (Bild: Carlos Garcia Rawlins / Reuters)

In einem Land, das das Vertrauen in die Währung und die Institutionen komplett verloren hat, lebt es sich ungemein kompliziert. Unsere Korrespondentin berichtet von ihren Erfahrungen im Sommer 2018 in Venezuela.

Nicole Anliker, Caracas

Bereits beim Landeanflug auf Caracas bekomme ich eine Vorahnung davon, was mich im «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» erwarten würde. Meine beiden Sitznachbarinnen, beide um die dreissig Jahre alt, kramen Dollarnoten aus ihren Geldbeuteln und verstecken sie am Körper. 10 Dollar in die linke Socke, 15 Dollar in den Büstenhalter, 5 Dollar in den rechten Schuh. Ich werde aufgefordert, dasselbe zu tun. «Die nehmen dir das sonst am Flughafen alles ab», sagt die eine. Sie rät, zur Tarnung 20 Dollar im Portemonnaie zu lassen. Die andere ist derweil sichtlich nervös, Schweissperlen glänzen auf ihrer Stirne. Sie hat aus Panama einen riesigen Koffer voller Medikamente für ihre Familie mitgebracht und befürchtet, kontrolliert zu werden. Illegal ist das nicht. Warum dann die Bedenken? «In diesem Land ist alles möglich», sagt sie, «man weiss nie, was passiert.»

Für Lebensmittel stehen die Leute in Caracas stundenlang vor dem Supermarkt an. (Bild: Eduardo Leal  /  Laif)

Für Lebensmittel stehen die Leute in Caracas stundenlang vor dem Supermarkt an. (Bild: Eduardo Leal  /  Laif)

Kontakte über alles

Der gut zweistündige Flug von Panama-Stadt nach Caracas in einer Sitzreihe reicht aus, um eine Vertrauensbasis zwischen drei einander Unbekannten zu schaffen. Keine spricht es an, trotzdem scheint jeder von uns klar zu sein, dass wir Einreise, Gepäckausgabe und Zoll gemeinsam bestreiten. Der Gang zur Flughafentoilette sorgt, kaum gelandet, für Empörung bei einer der beiden Venezolanerinnen. «Das Toilettenpapier ist rationiert, die Seife ebenso, und die Klimaanlage funktioniert nicht mehr – willkommen in Venezuela. Wir sind offensichtlich auf gutem Weg», schreit sie ironisch und schüttelt ihr schwarzes Haar. Die Leute um uns starren betreten auf den Boden. «Hier wird nicht schlecht über Chávez geredet», mahnt ein Aufkleber beim Gepäckscanner. Anders als meine temporäre Mitreisende scheinen sie sich die Botschaft zu Herzen zu nehmen.

Herbstserie «Vertrauen»

Die NZZ beleuchtet im Oktober das Thema Vertrauen aus unterschiedlichsten Perspektiven. Dieser Beitrag gehört zu Staffel 2: «Wie Vertrauen zerbricht».

Alle bereits erschienenen Beiträge finden Sie auf der Übersichtsseite zur Serie. Am 19. Oktober erscheint die dritte Staffel: «Wie Vertrauen zurückkommt». Verpassen Sie keine Folge – wir benachrichtigen Sie per E-Mail, sobald eine neue Staffel online ist.

Meine Einreise dauert länger. Die Einwanderungsbeamtin weiss nicht, was sie mit dem Journalistenvisum soll. Die beiden Venezolanerinnen warten geduldig und blicken schon besorgt. Mit etwas Verzögerung passieren wir schliesslich alle Kontrollen und gelangen in die Ankunftshalle. Es folgen Umarmungen und der Austausch von Kontaktdaten. Es sei wichtig, dass ich diese Nummer nicht verliere, werde ich ermahnt. «Ruf mich an, wenn du etwas brauchst.»

Hilfe, um mich im venezolanischen Alltag durchzuschlagen, bekomme ich die kommenden Tage von unterschiedlichsten Leuten. Keinen habe ich vorher je gesehen oder gekannt, mit einigen tauschte ich mich per Mail und Whatsapp aus – das war alles. Ich bin angewiesen auf geduldige Erklärer und einen Haufen Kontakte: von vertrauensvollen Taxifahrern mit fahrtüchtigen Autos über Kenner der prekären Sicherheitslage bis zu Bankkartenausleihern. Denn normal ist hier nichts, und das wissen auch alle. Nach 48 Stunden in Caracas verstehe ich immer noch nicht, wie ich mir eine Flasche Wasser kaufen kann. Meine Visa-Karte funktioniert nicht, meine EC-Karte auch nicht, Bargeld ist wegen der Hyperinflation derart wertlos, dass es fast aus dem Alltag verschwunden ist. Die eingeführten, kleinen Dollarscheine kann ich in keiner Wechselstube tauschen.

Wer wie ich kein venezolanisches Bankkonto besitzt, muss Beziehungen haben. Der Freund einer Freundin eines Freundes leiht mir seine Debitkarte. Gesehen habe ich ihn nie.

Was Hyperinflation im Alltag bedeutet, merke ich hingegen ziemlich schnell. Die Metro ist kostenlos, weil Papier und Druck des Fahrscheins teurer sind als dieser selbst. Der Zigarettenverkäufer verlangt alle zwei Tage ein bisschen mehr Geld für die Schachtel. An der Tür des Hotelzimmers klebt eine Preisliste, die bis Ende Monat gilt. Danach, so heisst es, werde diese wegen der Teuerung wieder angepasst werden. Der Internationale Währungsfonds hat für dieses Jahr eine Inflation von einer Million Prozent prognostiziert. Die Regierung erhöht den staatlichen Mindestlohn darum alle paar Monate, überleben kann damit trotzdem kaum jemand. Mitte Mai 2018 liegt dieser bei einer Million Bolívares; auf dem Schwarzmarkt entspricht das einem Gegenwert von rund einem Dollar. Für mehr als zwei Pack Nudeln reicht das nicht. Hinzu kommt, dass es sowieso kaum mehr Nahrungsmittel gibt.

Als sich herumspricht, dass der staatliche Supermarkt für einmal welche hat, formiert sich umgehend eine lange Schlange. Seit heute morgen um fünf Uhr stehe sie an, sagt eine Frau um die Mittagszeit. Schon gestern und vorgestern war sie hier, um eine Tüte subventionierter Lebensmittel zu kaufen. Sie hamstere, erklärt sie, weil es danach wieder wochenlang nichts gebe. Dann helfen sich die Venezolaner etwa mit Tauschhandel aus. In sozialen Netzwerken, per Whatsapp-Gruppe, aber auch auf der Strasse wird Klopapier gegen Reis oder Maismehl getauscht. Wie normal das ist, merke ich, als mich eine venezolanische Freundin bittet, bei einem Online-Versandhändler ein Geschenk für ihre Mutter zu kaufen, statt ihr den geschuldeten Geldbetrag zu überweisen.

Ohne Debitkarte geht nichts

Bargeld wird nur noch für ein paar wenige Dienstleistungen und Geschäfte wie Busfahren, Parkieren oder Tanken benützt. Wegen seiner Knappheit ist es gerade in Caracas eine begehrte Handelsware geworden. Der Schwarzmarkt floriert: Strassenhändler verkaufen ganze Bündel von Bolívares. Wer eine Million davon in bar braucht, überweist ihm das Zwei- oder Dreifache. Kleine Scheine von 1, 2, 5 oder 10 Bolívares sind komplett wertlos. Vielleicht ist es Zufall, doch ich beobachte mehrmals, wie solche in einer Art Akt der Verzweiflung auf offener Strasse verbrannt werden.

5 Millionen Bolívares braucht der Konsument für ein Kilogramm Tomaten. (Bild: Carlos Garcia Rawlins / Reuters)

5 Millionen Bolívares braucht der Konsument für ein Kilogramm Tomaten. (Bild: Carlos Garcia Rawlins / Reuters)

In Caracas läuft angesichts dessen beinahe alles nur noch über den elektronischen Bankverkehr. Pausenlos wird Geld von einem Bankkonto zum anderen geschoben. Das macht vieles kompliziert: mit dem Taxi zu fahren beispielsweise, Trinkgeld zu geben, selbst Polizisten zu schmieren.

Als ein Freund eines Abends nach dem Essen nach Hause will, fängt die Odyssee an. Erst ruft er einen Taxifahrer an, mit dem er seine Route bespricht, worauf der Lenker den Preis festlegt und ihm seine Bankverbindung gibt. Übers Handy wird das Fahrgeld überwiesen. Als dieses auf dem Konto des Taxifahrers angekommen ist, holt ihn dieser ab. Auch im Restaurant legt der Kellner ein Zettelchen mit seiner Bankverbindung auf den Tisch, um Trinkgeld zu erhalten. Polizisten, die geschmiert werden wollen, tun dasselbe oder verlangen nach einem Kilo Maismehl oder Reis.

Selbst die wenigen Strassenhändler, die es noch gibt, akzeptieren fast alle Debitkarte. Mit Schildern weisen sie darauf hin: «Hay punto.» Die Lesegeräte sind für sie überlebenswichtig geworden. Jemand hat daraus ein Geschäft gemacht und vermietet die Maschinen tageweise. Wenn der Strom ausfällt, und das passiert in Venezuela immer häufiger, steht das Land still. Die Dame hinter der Theke einer kleinen Kaffeekooperative im Stadtzentrum kann sich kein Lesegerät leisten. Zwei potenzielle Kunden verlassen den Laden wieder, als sie erfahren, dass sie keines hat. Sie verkaufe nichts mehr, sagt die Dame.

Solidarität und Hilfsbereitschaft

Wer wie ich kein venezolanisches Bankkonto besitzt, muss Beziehungen haben. Der Freund einer Freundin eines Freundes – also über drei Ecken – leiht mir seine Debitkarte. Gesehen habe ich ihn nie. Ich heisse künftig Ricardo Pérez, laufe mit dessen kopierter Identitätskarte herum und bin auch im Besitz seines PIN-Codes. Warum ich mit einer Karte zahle, die auf einen Männername laute, werde ich nie gefragt. Alle wissen, wie es läuft.

Ich vertraue meinem Käufer, dass er mir die Bolívares überweist. Er vertraut mir, dass ich ihm die Dollars dafür im Nachhinein gebe.

Damit Geld auf das Konto kommt, verkaufe ich auf dem Schwarzmarkt stückchenweise Dollarnoten, die ich mitgebracht habe. Ein Bekannter von einem Bekannten kennt jeweils jemanden, der 50 oder 20 Dollar benötigt. Sobald der Kontakt steht, geht das Feilschen los. Über Whatsapp einigen wir uns auf einen Kurs, der an jenen des Schwarzmarkts angelehnt ist, welcher den Alltag bestimmt. Der Unbekannte überweist die Bolívares auf mein ausgeliehenes Bankkonto. Die Dollar übergebe ich ihm bei einem Blinddate später irgendwo in der Stadt.

2,4 kg Poulet sind 14 600 000 Bolívares wert. Mitte August entsprach das umgerechnet $ 2.22 USD. (Bild: Carlos Garcia Rawlins / Reuters)

2,4 kg Poulet sind 14 600 000 Bolívares wert. Mitte August entsprach das umgerechnet $ 2.22 USD. (Bild: Carlos Garcia Rawlins / Reuters)

Oftmals gelangt das Geld aber auch über zwei oder drei Personen zum Käufer, und ich sehe ihn nie. Bestenfalls haben wir beide das Konto bei derselben Bank. Sonst dauert die Transaktion drei Tage lang, in denen das Geld an Wert verliert. Deshalb wiederhole ich das Prozedere auch alle paar Tage von neuem. Venezolaner mit Zugang zu Devisen handhaben das genauso.

Diese surreale Situation kreiert Nähe. Ich vertraue meinem Käufer, dass er mir die Bolívares überweist. Er vertraut mir, dass ich ihm die Dollars dafür im Nachhinein gebe. So geht das im Alltag mit vielem. Vielleicht ist informelles, teilweise fast blindes Vertrauen das Einzige, was übrig bleibt in einem Land, in dem das Vertrauen in die Währung genauso tot ist wie jenes in die Institutionen. «Wir stecken alle in der gleichen Scheisse», so begründet eine venezolanische Freundin die bemerkenswerte Hilfsbereitschaft und Solidarität, die ich vom ersten bis zum letzten Tag meines Aufenthalts in dem Land erlebe. Meine Hotelrechnung kann ich vor der Abreise nicht vollständig begleichen. Der Millionenbetrag, umgerechnet rund 150 Dollar, sprengt die Limite meiner ausgeliehenen Karte. Die Receptionistin lässt mich trotzdem ziehen. Ich habe ihr versprochen, dass eine Bekannte den Rest bezahlen wird.


Staffel 2: Wie Vertrauen zerbricht


Staffel 1: Wie Vertrauen entsteht


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