Wie sich Menschen in den Metropolen der Zukunft bewegen

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Dass Ridesharing 2,8 Mal mehr Autoverkehr erzeugt als es vermeidet und Nutzer dazu verleitet, nicht mit den Öffentlichen oder dem Rad zu fahren, wie der Analyst Bruce Schaller in den USA herausgefunden haben will, stellt die Nachhaltigkeit dieser Verkehrslösung in Frage und spricht eher für den hedonistischen Zeitgeist derer, die sich gegen die ökologische Vernunft für Uber Pool oder Clevershuttle statt das Fahrrad oder die öffentlichen Verkehrsmittel entscheiden.

Städte werden immer größer

Ein anderer Megatrend begrenzt die Individualisierung: die Urbanisierung. 68 Prozent der Weltbevölkerung werden im Jahr 2050 in Städten leben. Diese könnten um 2,5 Milliarden Einwohner wachsen, sagen die Vereinten Nationen voraus. Schon 2030 könnte es 43 Mega-Citys mit mehr als zehn Millionen Einwohnern geben – zu 90 Prozent in Afrika und Asien. Indische Metropolen werden um 416 Millionen Menschen wachsen, chinesische um 255 und nigerianische um 189 Millionen Bewohner. Wer die Herausforderungen an die Mobilität verstehen will, muss also dorthin schauen. Bestenfalls entstehen solche Städte samt ihrer Mobilitäts-Infrastrukturen am Reißbrett, wie im Fall der koreanischen Smart City Songdo, schlimmstenfalls wird es sich um wuchernde Moloche ohne funktionierende Verkehrssysteme handeln.

In Deutschland ist der Trend zur Urbanisierung vergleichsweise verhalten zu spüren. Denn hier leben bereits drei Viertel aller Menschen in Städten. Ihre Zahl wird von 61 Millionen im Jahr 2000 auf 67 Millionen im Jahr 2050 steigen – ein Plus von knapp zehn Prozent, so die UN-Statistik. Die Mobilität in Deutschland wird angesichts dieser Prognose weiter wachsen – wie bereits in der Vergangenheit.

Höchster Zuwachs im Luftverkehr

Das Umweltbundesamt hat errechnet, dass der sogenannte Verkehrsaufwand im Personenverkehr von 1991 bis 2016 um 38 Prozent gestiegen ist. Der Luftverkehr erzielte die höchsten Zuwachsraten: um 183 Prozent von 1991 bis 2015. Diese Zahl bezeichnet das Produkt aus der Zahl der beförderten Menschen und der zurückgelegten Kilometer.

Im öffentlichen Straßen- und Schienenverkehr ist dagegen eine unterdurchschnittliche Zunahme um etwa 29 Prozent zu verzeichnen, wobei der private Autoverkehr seine dominierende Stellung behalten hat. Das am meisten verbreitete Verkehrsmittel ist das Auto mit einem Anteil von etwa 76 Prozent. Den Rest teilen sich der Fußgänger sowie Rad-, Schienen- und Busverkehr mit zusammen rund 20 Prozent.

Mobilität im Alter

Statt eines explosionsartigen Wachstums wie in Schwellenländern werden wir in Deutschland einen anderen Trend sehen: die zunehmende Alterung – mit erheblichen Folgen für die Mobilität. Die Bevölkerungspyramide der Jahrtausendwende wird sich bis 2050 in einen Pilz verwandelt haben – mit einem stattlichen Kopf, der die hohe Zahl der alten Menschen symbolisiert. Der Altersquotient 65 (über 65-Jährige je 100 Personen von 15 bis 64 Jahren), schreibt die Altersforscherin Ursula Lehr, liege in Deutschland heute bei 34,1 und werde auf 56 bis 60 im Jahr 2050 ansteigen.

Was bedeutet das? 75-Jährige sind noch längst nicht pflegebedürftig, aber gewisse Einschränkungen in der Mobilität häufen sich, analysiert Lehr. „Konzepte der Stadtentwicklung, von der Verkehrsführung bis hin zu Sportstätten und Sportmöglichkeiten für Ältere, die Erreichbarkeit von Arztpraxen, Poststellen und Supermärkten sind zu überdenken.“

Tragende Säule Massenverkehr

Die tragende Säule der urbanen Mobilität ist neben dem Auto der öffentliche Nahverkehr. Beispiel Berlin: Im Jahr 2017 stellten die lokalen Verkehrsbetriebe BVG einen Rekord von 1,064 Millionen Fahrgästen auf, das sind mehr als 2,9 Millionen Fahrten pro Tag. Sie erreichte damit einen Anteil am Gesamtverkehr von 27 Prozent. Verkehrsplaner Stefan Weigele vom Verkehrsberatungsunternehmen Civity fordert deshalb einen „radikalen Vorrang für Busse und Trams im Straßenraum“. Denn Mobilität in den Städten der Zukunft wird sich ohne massentaugliche Verkehrsmittel nicht realisieren lassen.

Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen die öffentlichen Verkehrsträger investieren. „Der ÖPNV braucht dichtere Liniennetze und deutlich kürzere Taktzeiten und damit mehr Fahrer und mehr Fahrzeuge“, sagt Weigele. Der Schienenverkehr bietet hier einen großen Vorteil: Die ÖPNV-Studie der Beratungsagentur Civity belegt den sogenannten „Schienenbonus“ in deutschen Städten. Je höher der Anteil schienengebundener Abfahrten ist, desto höher ist auch der Marktanteil des Nahverkehrs, ist ein Fazit aus dem Vergleich von 50 Städten.

Verschärfte Konflikte um knappe Fläche

Busse und Bahnen drohen gegenüber anderen Verkehrsdienstleistern ins Hintertreffen zu geraten, was sich an fehlenden Konzepten für die Bepreisung der städtischen Mobilität zeigt, vom Nahverkehr über Parkgebühren bis hin zum Taxiverkehr und Sharing-Angeboten. „Das wäre fair, hätte eine steuernde Wirkung und würde zusätzliche Finanzierungsquellen erschließen“, sagt Weigele. In der Stadt der Zukunft werden sich auch die Flächenkonflikte verschärfen. „Die Politiker trauen sich da nicht ran“, kritisiert der Verkehrsforscher.

Den größten Hype in der Debatte um die Mobilität der Zukunft verursachen Flugtaxis. Vertikale Mobilität im urbanen Raum wird ein integraler Bestandteil des Verkehrs in den Zukunftsstädten, sagen Studien. Inspektions-, Waren- und Passagierdienste mit den senkrecht startenden elektrischen Passagier- und Warendrohnen haben das Potential, ein globaler Markt im Wert von 74 Milliarden Dollar bis 2035 zu werden. Diese Prognose macht eine Markt-Studie von Porsche Consulting.

2025 kommen die Flugtaxis

Volocopter, das führende deutsche Startup in diesem Marktsegment, träumt schon heute von Städten mit Dutzenden Volo-Hubs und Volo-Ports genannten Start- und Landeplätzen, an denen bis zu 100.000 Passagiere pro Stunde abheben. Bereits in zehn Jahren sei das möglich, behauptet Volocopter. Die Porsche-Studie untermauert diesen Trend mit Zahlen: Air Taxis könnten 2025 zunächst als Shuttles für Geschäftsreisende abheben. In den folgenden zehn Jahren könnten elektrisch betriebene Senkrechtstarter eine Stückzahl von 23.000 erreichen und einen Umsatz von 32 Milliarden Dollar allein für Passagierdienste erwirtschaften.

Bis es soweit ist, sind noch viele Probleme zu lösen: Die Reichweite der zweisitzigen batteriebetriebenen Flugzeuge endet bei etwa 30 Kilometer, der Luftraum ist hoch reguliert, eine Infrastruktur gibt es noch nicht. Und die Akzeptanz des neuen Verkehrsmittels ist fraglich. Zumal belastbare Informationen zur Sicherheit der Flugtaxis nicht existieren. Risikomodelle gehen laut Porsche-Studie davon aus, „dass 23.000 Passagierdrohnen, die annähernd 50 Millionen Flugstunden pro Jahr erreichen, jeden zweiten Tag zu einem kritischen (nicht notwendigerweise tödlichen) Vorfall führen würden, was eindeutig nicht akzeptabel ist“.

Vertikale Mobilität ist kein Allheilmittel zur Lösung von Verkehrsstaus. Aber: „Sie kann ein entscheidender Teil einer integrierten Lösung sein, um unsere wachsenden Transportprobleme zu lindern“, heißt es in der Studie. „Vor allem die Globalisierung bietet neue Möglichkeitsräume für mehr Menschen als je zuvor“, schreibt der Verkehrsforscher Weert Canzler. „Werden die vermehrten Handlungsoptionen auch genutzt, entsteht zusätzlicher Verkehr.“ Insofern seien moderne differenzierte Gesellschaften tendenziell verkehrsreiche Gesellschaften.

Dieser Artikel erschien zuerst im Mobility-Magazin von Gründerszene. Das Heft steht euch hier zum Download bereit.



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