Viel Arbeit für den Raiffeisen-Verwaltungsrat

2


Ist ein Nachfolger für den scheidenden Patrik Gisel gefunden, müssen die Strukturen bereinigt werden.

Ermes Gallarotti

In der Vergangenheit harzte der Informationsfluss zwischen St. Gallen und den Raiffeisenbanken. (Bild: Gaëtan Bally / Keystone)

An der ausserordentlichen Delegiertenversammlung vom 10. November in Brugg werden Guy Lachappelle und vier weitere Kandidaten in den Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz gewählt. Das neu zusammengesetzte Gremium wird in einem ersten Schritt einen Nachfolger für Patrik Gisel an der Spitze der Geschäftsleitung finden müssen. Die Suche nach einem neuen Chef hat denn auch längst begonnen, damit im besten aller Fälle bis Ende Jahr, also bis zum vorgesehenen Austrittstermin Gisels, ein geeigneter Nachfolger präsentieren werden kann. Wenn dieser sein neues Amt nicht sofort antreten kann, was nicht unwahrscheinlich ist, wird es allenfalls zu einer Interimslösung kommen.

Ist diese Schlüsselposition neu besetzt, müssen in einem nächsten Schritt die Strukturen der St. Galler Zentrale überdacht und angepasst werden. In jüngster Zeit hat die Frage an Bedeutung gewonnen, wie sie von einer operativen Gesellschaft mit eigenen Niederlassungen und einer Vielfalt von zentralisierten Kontroll- und Zulieferfunktionen wieder zu dem zurückgeführt werden kann, was sie ursprünglich einmal war: eine Dienstleistungszentrale für ihre Eigentümer, die 246 Raiffeisenbanken.

Dienst an der Gruppe

Die Zentrale soll für den Raiffeisen-Verbund als Zentralbank amten, indem sie beispielsweise Anleihen emittiert oder das Fremdwährungsgeschäft betreibt. Sie soll die aggregierten Risiken überwachen, um den Marktauftritt besorgt sein, die Marke pflegen, an der strategischen Ausrichtung mitarbeiten und eine moderne IT-Infrastruktur bereitstellen. Kurzum: Die Zentrale soll die Banken unterstützen und sich für das Wohl der Gruppe einsetzen. Aber sie soll nicht eigenmächtig, wie dies in der Vergangenheit geschehen ist, über deren Köpfe hinweg weitreichende Entscheide treffen.

Schon aus diesem Grund gilt es, ein kardinales Problem der Vincenz-Ära zu beseitigen: Die laschen Kontrollmechanismen müssen durch eine moderne, effektive Corporate-Governance-Infrastruktur abgelöst werden. Der Verwaltungsrat muss in die Lage versetzt werden, seine Aufgaben als Führungs- und Kontrollorgan effektiv und effizient wahrzunehmen. Als oberstes Gremium muss er die Geschäftsleitung kontrollieren – und nicht umgekehrt, wie dies in der Ära Vincenz der Fall war.

Ein weiteres strukturelles Problem liegt in der grossen Distanz zwischen dem Zentrum und der Peripherie. In der Vergangenheit harzte der Informationsfluss zwischen St. Gallen und den Raiffeisenbanken, der Zusammenhalt und der gruppeninterne Meinungsaustausch litten darunter. Um den zentripetalen Kräften zu begegnen und ein Gegengewicht zum schleichenden Machtzuwachs der Zentrale aufzubauen, haben die Raiffeisenbanken inoffizielle, von den Statuten nicht vorgesehene Foren geschaffen, etwa die Konferenz der Regionalverbandspräsidenten. Der neue Verwaltungsrat wird sich überlegen müssen, wie der Meinungsaustausch gefördert werden kann und welche zusätzlichen Bindeglieder zwischen der Zentrale und der Basis einzuführen wären.

Eher in den Hintergrund dürfte hingegen die Diskussion über eine allfällige Umwandlung von Raiffeisen Schweiz in eine Aktiengesellschaft rücken. Mit der Nominierung von Lachappelle hat der Verwaltungsrat ein Zeichen zugunsten der genossenschaftlichen Ausrichtung gesetzt. Kandidaten, die auf eine berufliche Vergangenheit bei einer Grossbank bauten, hatten keine Chance.

Eine Trockenübung

Raiffeisen will, selbst in der St. Galler Zentrale, an ihrer genossenschaftlichen DNA festhalten und verspricht sich keine Vorteile von einem Wechsel des Rechtskleids. Angesichts des unternehmerischen Erfolgs ist diese Haltung verständlich. Die Aufsichtsbehörde Finma hat zwar Raiffeisen angehalten, die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft zu prüfen. Aber das dürfte nicht viel mehr als eine Trockenübung werden.



Quelle

Bemerkungen